Lexikon der Filmbegriffe

Simulation

von lat.: simulatio = Vortäuschung; technisch: die modellhafte Darstellung oder Nachbildung bestimmter Aspekte eines vorhandenen oder in Entwicklung befindlichen kybernetischen Systems

Zuallererst beschreibt der Begriff Simulation eine Praxis, bei der an einem Modell Verfahren erprobt werden, die dann auf die Vorlage des Modells anwendbar sein sollen, weil es in einemklar definierten  Ähnlichkeitsbezug zu seiner Vorlage stehen muss. Unter medientheoretischer Perspektive erhält der Begriff Simulation eine Weiterung, die ihn an seine ursprünglich techno-physikalische Quelle zurückführt: Simulation ist stets ein zeitkritischer Prozess. Das Verhalten eines simulierten Systems wird nicht für einen Moment, sondern für einen Intervall bestimmt – so nützt etwa das Einzelbild eines galoppierenden Pferdes für Aussagen über den Prozess des Galopps nicht. Erst über einen Zeitraum hin betrachtet lassen sich Analyse dieser Art anstellen. Die Chronophotographie als einer der Vorläufer des Mediums Film lieferte (mit o.g. Beispiel – etwa durch Marey und Muybridge) mediale Simulationen von derartigen Bewegungsabläufen. Jenseits seines Inhaltes wird Film hier als ein Zeitmessinstrument inauguriert, das – und dies ist ein weiteres Charakteristikum zeitkritischer Simulation – Zeitachsenmanipulationen zulässt: Film lässt sich verlangsamen und beschleunigen sowie montieren, womit mikro- und makroskopische Temporalzusammenhänge sichtbar gemacht werden können. Das heute am häufigsten für Simulationszwecke genutzte Medium ist deshalb der Computer; nicht nur, weil er multimediale (etwa auch akustische) Simulationen zulässt, sondern vor allem, weil die Zeitachsenmanipulation mit ihm dadurch, dass er über beinahe beliebig skalierbare „Eigenzeit“ (durch seine Prozessortaktung) verfügt. Mit dem Computer lassen sich aufgrund der Arbitrarität seiner immer schon symbolischen Programmierung sogar spekulative, referenzlose Simulationen durchführen – etwa von Objekten, die gar nicht als physikalische Vorlagen existieren, sondern über mathematische Modelle und Parameter erst definiert werden. Die Anwendungsgebiete solcher Simulationen reichen von der spekulativen Exoplanetenforschung bis hin zur Konstruktion virtueller Welten, welche nicht zuletzt auch in fiktionalen Filmen wieder eine Rolle spielen.

Literatur: Stachowiak, Herbert: Allgemeine Modelltheorie. Wien [...]: Springer 1973. – Baudrillard, Jean: Die Simulation. In: Wolfgang Welsch (Hg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne‑Diskussion. Weinheim: VCH Acta Humaniora 1988, S. 153‑162. – Engell, Lorenz: Das Gespenst der Simulation. Ein Beitrag zur Überwindung der "Medientheorie" durch Analyse ihrer Logik und Ästhetik. Weimar: Verl. und Datenbank für Geisteswissenschaften 1994.

Referenzen:

augmented reality

CG object simulation

Imax Rides

Simulacrum

Simulation / Simulationstheorie: Baudrillard


Artikel zuletzt geändert am 02.03.2012


Verfasser: SH


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