Lexikon der Filmbegriffe

Hamartia

griech. = Irrtum, tragischer Irrtum, Verfehlung

In der Aristotelischen Theorie (Poetik, 13.5, 1453a 8‑23) bezeichnet hamartia das Fehlverhalten des Helden, das die tragische Katastrophe herbeiführt. Es beruht auf der Fehleinschätzung einer außergewöhnlichen Situation, impliziert aber keine moralische Schuld im christlichen oder auch im juristischen Sinne. Sie beruht auch nicht auf einer charakterlichen, habituellen oder kurzfristig affektiven Schwäche des Helden, sondern ist entweder ein einmaliges Fehlverhalten mitfatalen Konsequenzen oder das Verkennen oder Nichterkennen einer Konflikt- oder Entscheidungssituation, durch das er ohne eigenes Zutun ins Unglück gerät. Die Frage, ob nicht der Irrtum des Helden doch durch moralische oder intellektuelle Konditionen begründet ist, ist allerdings in der klassischen Philologie durchaus umstritten.
Gerade die Unbeteiligtheit des Helden sowohl im Hinblick auf sein Wissen wie auf seinen Charakter ist in der Aristotelischen Wirkungsästhetik notwendig, um eine optimale Affektwirkung beim Zuschauer zu erzielen – nur er weiß, dass der Held einen Fehler macht. Auch diese Differenz der Informationsstände ist für die affektiv-rezeptionalen Effekte zentral.
In den meisten modernen Inszenierungen tragischer Verwicklungen ist das Konzept der Hamartia meist nicht anwendbar – dafür werden die Handlungen der Helden zu sehr aus ihrem Charakter, aus psychischen oder moralischen Verstrickungen oder aus strategischem Kalkül abgeleitet. Das Konzept wird häufiger im Kontext der romantischen Komödie genannt; doch hier ist der Fehler des Helden reversibel (gerade in der Revision des ursprünglichen Irrtums, des Fehlurteils oder der Falscheinschätzung ist oft der Wendepunkt zum glücklichen Ende gegeben). Mit der Vorstellung der Hamartia im ursprünglichen Sinne hat das aber nichts zu tun.

Literatur: Bremer, Jan Maarten: Hamartia. Tragic error in the Poetics of Aristotle and in Greek tragedy. Amsterdam: Hakkert 1969. – Cessi, Viviana: Erkennen und Handeln in der Theorie des Tragischen bei Aristoteles. Frankfurt: Athenäum 1987. – Saïd, Suzanne: La faute tragique. Paris: Maspero 1978. – Prescott, H.W.: The Comedy of Errors. In: Classical Philology 24, 1929, S. 32‑41.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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