Lexikon der Filmbegriffe

Ouvertüre

Die Konvention der Ouvertüre entstammt der Operntradition. Man versteht darunter ein – oft bei noch geschlossenem Vorhang gespieltes – konzertantes Eröffnungsstück, das den Tenor des Werks, Elemente des Werks und Figuren der Handlung musikalisch vorstellt. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich die Schauspielouvertüre, die in die Stimmungslage des folgenden Stücks einführte. Für den Film bildete die Ouvertüre in manchen Stummfilmmusiken (die allerdings oft dem Musikrepertoire entnommen waren, also nicht eigens für den jeweiligen Film komponiert wurden); eine wichtige Ausnahme bildeten die Stücke, die ihrerseits auf dem Theater bereits ein Vorspiel hatten (wie z.B. Operetten). Ouvertüren galten auf Grund ihrer Vorgeschichte aus dem (Musik-)Theater oft als Genre-Indikatoren, müssen auf jeden Fall als Hinweise auf die älteren Aufführungsformate des Theaters resp. des Musiktheaters angesehen werden, darin auch den Eigenwert der Aufführungen als Teil eines bürgerlichen Theaterereignisses herausstellend.
In den 1950ern und vor allem 1960ern erlebte die Ouvertüre eine kleine Renaissance, als eine ganze Reihe von Monumentalfilmen sowie von Filmen, die dem Epischen zugeneigt waren, bei dann schon geöffnetem Vorhang musikalisch eingeleitet wurden. Die Jules-Verne-Adaption Around the World in Eighty Days (USA 1956, Michael Anderson) etwa markierte ihren Status als theaterhaftes Reise-Stationenstück durch eine musikalische Ouvertürensequenz (mit schwarzem Bild); das im Film mehrfach verwendete For He's a Jolly Good Fellow ist wie ein musikalisches Nachspiel auch dem Abspann unterlegt. Manchmal wurden die Filme wegen ihrer großen Länge durch ein musikalisches Zwischenspiel unterbrochen (oft verbunden mit einer tatsächlichen Pause der Vorstellung). Filme, in denen die Musik eine zentrale Rolle spielte (wie High Society, USA 1956, Charles Walters, mit der Musik von Cole Porter), aber auch Abenteuerfilme markierten ihre Fiktionalität durch vorangestellte Ouvertüren. Ben Hur (USA 1959, William Wyler), Khartoum (Großbritannien 1966, Basil Dearden) oder The Sand Pebbles (USA 1966, Robert Wise) kennen sogar Vor- und Zwischenspiel (wie schon Sam Woods Spanien-Drama For Whom the Bell Tolls, USA 1943).  Lawrence of Arabia (Großbritannien 1962, David Lean) hatte sogar ein Vorspiel, ein Zwischenspiel und ein kurzes Nachspiel. Die Konvention wurde von Großfilmen wie Ghandi (Großbritannien/Indien 1982, Richard Attenborough) oder Once upon a Time in America (USA 1984, Sergio Leone) nahmen die Konvention der 1960er wieder auf, darin ihren Charakter als Epos unterstreichend.

Literatur: Botstiber, Hugo: Geschichte der Ouvertüre und der freien Orchesterformen. Leipzig: Breitkopf u. Härtel 1913. Neudr.: Wiesbaden: Sändig 1969. – Capelle, Irmlind: Das Verhältnis der Ouvertüre zu den übrigen Nummern der Schauspielmusik bei Spohr, Marschner und Lortzing. In: Carl Maria von Weber und die Schauspielmusik seiner Zeit. [...] Mainz [...]: Schott 2003, S. 255‑267. 


Artikel zuletzt geändert am 21.03.2012


Verfasser: HJW


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