Lexikon der Filmbegriffe

Wilderer im Film

Das wohl wichtigste Genre, in dem Wilderer zum festen Inventar der dramatischen Figuren gehören, ist der (historische) Heimatfilm. Dort sind sie auf der einen Seite zwar Gesetzesbrecher, missachten sie doch das lokale Jagdrecht. Aber weil dieses die Jagd den Adligen und Landbesitzern vorbehält, werden die Wilderer manchmal sogar als Helden gefeiert. Sie brechen das Recht, doch wenn die Bevölkerung hungert oder wenn die Inbesitznahme des Landes älteres Recht bricht, dann gelten sie schnell als Aufrührer, die sich ihr angestammtes Recht gegen alle Staatsgewalt nehmen. Ein Wilderer wie die Titelfigur aus dem Spätheimatfilm Die Geschichte vom Brandner Kasper (BRD 2008, Joseph Vilsmaier) wird darum als anarchistisch-konservativer Individualist gezeichnet, eine im Grunde isolierte Figur, die dennoch im Widerstand gegen die Obrigkeit steht.
Wilderer sind listig und schlagen den repressiven Landesherren gern ein Schnippchen, und sie zählen zu den Gerechten, weil sie die Wilderei nicht zur Selbstbereicherung betreiben, sondern damit hungernde Teile der Bevölkerung unterstützen. Eine regelrechte Wildererromantik entstand in der Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts, weil das Wildern vor allem in gefährlichen Bergregionen extrem gute Ortskenntnisse, Kühnheit und Naturverständnis voraussetzte. In vielen Filmen steht der Wilderer im Zentrum des dramatischen Konflikts, wodurch die latent politische Grundkonstellation entschärft wird. Wenn etwa in Der Wilderer (Deutschland 1925, Spielfilm, Johannes Meyer), in Grün ist die Heide (BRD 1951, Hans Deppe) oder in Der Klosterjäger (BRD 1953, Harald Reinl; weitere Verfilmungen: 1020, 1935; nach einem Roman von Ludwig Ganghofer) die Wildererfigur ein enger Verwandter der Geliebten des Wildererjägers ist, ist der Loyalitätskonflikt angebahnt. Das Heimatmelodram Der Wilderer vom Silberwald (BRD 1957, Otto Meyer) geht einen anderen Weg: Hier ist die Tochter eines Ermordeten die Wilderin, die sich am nicht-verurteilten Täter so symbolisch rächen will.
In anderen Genres ist die Wildererfigur sehr viel seltener, fehlt doch der so konstitutive Rechtsrahmen. Eines der wenigen Beispiele ist der schwedische Krimi Jägarna (Die Jäger, 1996, Kjell Sundvall), der von einer Ermittlung gegen illegale Elchjäger erzählt. Beispiele finden sich schließlich im exotischen Abenteuerfilm, in dem immer wieder von Wilderern gehandelt wird, die Jagd auf Elefanten oder Nashörner machen.


Artikel zuletzt geändert am 22.03.2012


Verfasser: HJW


Zurück