Lexikon der Filmbegriffe

subjektive Kamera

auch: Subjektive; engl.: point-of-view shot; auch: POV-shot; früher auch: angle shot

Subjektive Kameraführung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Sicht eines Protagonisten einnimmt. Der Kamerastandort ist der Standort einer Figur in der Szene, deren „Blick“ das Bild wiederzugeben scheint. Versteht man die Kamera als stellvertretendes Auge des Zuschauers, wird dadurch der Blick des Protagonisten zu seinem.
Frühe Formen der subjektiven Kamera waren Blicke durch Fernrohre oder Schlüsselloche, die im Filmbild durch Maskierungen des Bildes illusioniert wurden. Eine andere, schon früh entwickelte Möglichkeit, die Subjektivität der Einstellung zu markieren, bestand darin, die Kamera die gleichen Bewegungen machen zu lassen wie den Protagonisten. Auch dabei entsteht der Eindruck, der Zuschauer sehe durch dessen Augen (ein bekanntes neueres Beispiel ist die Eingangssequenz von Halloween, 1978). Durchaus üblich ist es auch, durch die Kamera das zu zeigen, was nur der entsprechende Protagonist wahrnehmen kann. Eine Extremform subjektiver Kameraführung liegt vor, wenn sie nicht kurzzeitig in Blickmontagen oder zur Intensitätssteigerung genutzt wird, sondern durchgehend den Blick des Protagonisten einnimmt, wie in The Lady in the Lake (1947). Eine solche Inszenierung wirkt höchst artifiziell und ist nur äußerst selten praktiziert worden. Zum Thema gemacht wurde die subjektive Kamera in Death Watch (1979), in dem ein Reporter mittels einer in seinen Kopf implantierten Kamera die letzten Tage einer todkranken Frau für eine Reality-TV-Sendung begleiten soll.
Die ‚echte‘ Subjektive, bei der die Kamera in Augenhöhe der Figur steht, ist eher selten. Meist wird eine Kameraperspektive eingenommen, die dem Idealort nahe, aber dennoch spürbar seitlich leicht versetzt die Filmperson begleitet und damit den Zuschauer nur an deren Seite stellt, ohne deren Sicht vollständig zu übernehmen. Dementsprechend müssen die Gesprächspartner bei Dialogszenen auch nicht direkt in die Kamera schauen.

Literatur: Branigan, Edward R. : Point of View in the Cinema. A Theory of Narration and Subjectivity. New York: Mouton 1984, ch. 4. – Moreno, Julio L.: Subjective cinema: And the problem of film in the first person. In: Quarterly Review of Film, Radio and Television 7,4, Summer 1953, pp. 341-357. – Peters, Jan Marie: The subjective camera – optical effects, meaning, and emotional impact. In: Zwischenbilanz. Eine Festschrift für Joachim Paech zum 60. Geburtstag. Hrsg. v. Frank Furtwängler, Kay Kirchmann, Andreas Schreitmüller & Jan Siebert . Konstanz: Universität 2001 [online].
 

Referenzen:

perception shot

point-of-view-Shot

Schlüssellochfilm


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: KJ


Zurück