Lexikon der Filmbegriffe

Neorealismus: Filme der wichtigsten Regisseure

Rossellinis Rom, offene Stadt (1943-45) erscheint als erster neorealistischer Film im September 1945 und behandelt Rom während der bes. deutschen Besatzung 1943/44. Die chronikartige Darstellung von Ereignissen der jüngeren Geschichte geschieht noch stärker im nächsten Film Rossellinis, Paisà (1946): Episoden der Befreiung Italiens vom Faschismus von Süden nach Norden. Rossellini wird zum meist debattierten Filmemacher des Neorealismus, als er sich stärker spirituellen, auch religiösen Sinnfragen zu- und von der unmittelbar realistischen Darstellung abwendet. Dies verschafft ihm zwar das besondere Interesse der Nouvelle Vague-Regisseure, die dem Neorealismus im engeren Sinne kritisch gegenüberstehen, zugleich aber auch die harte Kritik vor allem der marxistisch orientierten Filmkritiker in Italien.
Am unmittelbarsten entsprechen die Filme von De Sica dem von Zavattini geprägten Konzept. Was auch damit zusammenhängt, dass Zavattini der Drehbuchautor dieser Filme ist: Ladri di biciclette (Fahrraddiebe, 1948), Gegenwartsgeschichte eines römischen Arbeitslosen. Bereits im April 1946 war Sciuscià (IT: Shoe-Shine) von De Sica-Zavattini in die Kinos gekommen: die Geschichte zweier neapolitanischer Schuhputzjungen, die sich durch Schwarzmarktgeschäfte ihren Glückstraum erfüllen und ein Pferd kaufen wollen, dann aber ins Jugendgefängnis kommen. Umberto D. (1951) von De Sica-Zavattini hat Kracauer wie Bazin besonders beeindruckt: Die Geschichte eines Rentners, der einsam-würdevoll in Rom zu überleben versucht.
Visconti lernt als Regieassistent bei Jean Renoir in Frankreich und macht mit Ossessione 1942 den wichtigsten der sog. „oppositionellen Filme“ (Chiarini) vor 1945. 1948 entsteht La terra trema (Die Erde bebt. Der Film wird u.a. von der kommunistischen Gewerkschaft finanziert, die Dreharbeiten immer wieder durch Geldnot erschwert. Erzählt wird die Geschichte sizilianischer Fischer. La terra trema erfüllt das neorealistische Postulat der Arbeit mit Laiendarstellern und an Originalschauplätzen absolut (nicht jedoch insofern, als er sich einer veristischen Romanvorlage Vergas bedient). Er ist folglich in sizilianischer Sprache mit Menschen aus Aci Trezza gedreht und hat eine Dauer von über drei Stunden – weshalb er vom Verleih schon für Italien extrem beschnitten und neu synchronisiert wird.
Wie geht es weiter mit dem Neorealismus (nach dem Ende der gesellschaftlichen Aufbruchsphase mit sozialistisch-kommunistischen Hoffnungen 1948/49)? Zum einen finden wir schon relativ früh Versuche der Popularisierung, auch durch Anbindung an populäre Genres im sog. neorealismo popolare. Eines der frühesten Beispiele ist Riso amaro von Giuseppe de Santis (Bitterer Reis, 1949), der das sozialkritische Thema der Arbeitsbedingungen von Saisonarbeiterinnen bei der Reisernte in der lombardischen Poebene in eine Mischung von Reportage, Melodrama und Krimithriller einkleidet – mit viel Ausstellung weiblicher Formen und Haut. Eine Art milder Fortsetzung des neorealistischen Wirklichkeitsbezugs findet sich auch in zahlreichen Komödien der 1950er Jahre, dem sogenannten Rosa-Neorealismus. Die Filme der Camerini, Monicelli, Castellani u.a. zeichnen sich, bei allen Rekursen auf Volkskomödie und Klamotte, immer durch einen in der Handlungsentwicklung plausiblen Sozialbezug aus.
Schließlich sei noch auf eine Art Wiederkehr im sogenannten „Zweiten Neorealismus“ um 1960 verwiesen, als sich eine neue Generation von Regisseuren bewusst der Filmkonzeption von 1945ff bedient. Dazu zählen Namen wie De Seta, Olmi, Rosi, Loy, Zurlini, Petri und Pasolini. 
 

Referenzen:

Neorealismus: Konzept


Artikel zuletzt geändert am 22.03.2012


Verfasser: IS


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