Lexikon der Filmbegriffe

Neorealismus: Konzept

Der filmische Neorealismus betritt die Bühne der Filmgeschichte unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs. Er ist Teil einer in der Literatur- und Kulturdiskussion verankerten neorealistischen Debatte in Italien ab 1935. Die Filmschaffenden führen – noch während dem Faschismus – intensive Diskussionen um einen neuen Realismus (verbunden mit Filmsichtungen z.B. russischer Revolutionsfilme oder von Avantgardefilmen) im Umkreis der gerade entstandenen Zeitschriften Bianco e nero (Umberto Barbaro) und Cinema (Vittorio Mussolini, Sohn des Duce). Dabei spielt auch die Erinnerung an die literarische Tradition des (dem deutschen Naturalismus vergleichbaren) Verismus vor und um 1900 eine wichtige Rolle. Erste praktische Auswirkungen zeigen diese Diskurse in drei Spielfilmen, die gemeinhin als Vorläufer des Neorealismus angesehen werden: Viscontis Ossessione von 1942, De Sicas I bambini ci guardano (1943) und Blasettis Quattro passi tra le nuvole (1942).
Die ab 1945 gedrehten neorealistischen Filme haben nur zwei Thematiken: die letzten Jahre des Faschismus mit Krieg und Widerstandsbewegung und die Gegenwart mit ihren sozialen Problemen. Regisseure: Luchino Visconti, Roberto Rossellini, Vittorio De Sica sowie Luigi Zampa, Aldo Vergano, Giuseppe de Santis, Alberto Lattuada, Carlo Lizzani, Pietro Germi, Luciano Emmer u.a..
Der wichtigste Ideengeber ist Cesare Zavattini. Von ihm stammen auch die meisten konzeptionellen Zusammenfassungen neorealistischer Denk- und Verfahrensweisen. Der Begriff Neorealismus (1943, auf das französische Kino bezogen) geht auf den Filmkritiker und -theoretiker Umberto Barbaro zurück und wird längere Zeit gleichrangig mit „Neoverismo“ benutzt.

Die konzeptionelle Übereinstimmung in frühen neorealistischen Filmen lässt sich so umschreiben:


- Verzicht auf die Konstruktion von erfundenen Geschichten, von Fabeln, von Fiktion überhaupt, dafür Vertrauen in die Wirklichkeit, insbesondere die Alltagswirklichkeit, d.h. das Leben und die Erfahrungen der einfachen Menschen;


- Ausgangspunkt der Filmarbeit sollen ,menschliche Fakten‘ sein, darin eingeschlossen das in ihnen enthaltene Historische, Determinierende;


- Spektakulär sei das Normale, nicht das Außergewöhnliche;


- dies könne nur der dokumentarische und analytische Weg finden und zeigen.


- In den Filmen sollen keine Helden vorkommen, sondern Menschen mit alltäglichen Schicksalen;


- spielen sollten möglichst nicht Berufsschauspieler, sondern Laien, die sich selbst darstellen;


- die Aufnahmen seien an Originalschauplätzen zu machen.


- Besonders betont soll der Chronik-Charakter der Wirklichkeitsdarstellung werden, damit das Dokumentarische, die Kollektivität und die Choralität von Handlungen mit der Echtheit sozialer Milieus und ihrer Sprache, des Dialekts, zur Geltung kommen.


Diese Kriterien werden selten praktisch durchgehalten, am meisten treten sie in den Umfrage-Filmen und den Episoden- bzw. Omnibusfilmen in Erscheinung. Vor allem der Gesichtspunkt der Chronik ist konzentriert in Zavattinis Vorstellung des Film-Lampo, des Blitzlicht-Films, in dem soziale Ereignisse aus der Zeitungschronik in ihrer Einbettung in die entsprechende Erfahrungswelt dargestellt werden sollen.

Hingewiesen sei auf den maßgebenden Einfluss, den der Neorealismus und seine durchaus vielfältige Ästhetik als Orientierung für viele und unterschiedlichste Filmemacher und –theoretiker in der Folge gehabt haben.

Literatur: Farassino, Alberto (Hrsg.): Neorealismo – cinema italiano 1945-1949. Torino: EDT 1989. – Micciché, Lino (Hrsg.): Il neorealismo cinematografico italiano. 3. Aufl. Venezia: Marsilio 1999. – Brunetta, Gian Piero: Il cinema neorealista italiano – da „Roma città aperta“ a „I soliti ignoti“. Rom/Bari: Laterza 2009. – Noto, Paolo, Pitassio, Francesco: I1 cinema neorealista. Roma: archetipolibri 2010. – Haaland, Torunn: Italian Neorealist Cinema. Edinburgh: University Press 2012.



 

Referenzen:

Neorealismus: Filme der wichtigsten Regisseure


Artikel zuletzt geändert am 01.10.2013


Verfasser: IS


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