Lexikon der Filmbegriffe

Pierrot

Die Figur des Pierrot entstammt der commedia dell‘arte des 15. und 6. Jahrhunderts. Er war zunächst bösartig und intrigant, eine eher verstörende Lachfigur. Erst eine neue Fassung der Figur, die der französische Pantomime und Schauspieler Jean-Gaspard Deburau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris verkörperte, gab dem Pierrot der Jetzt-Zeit sein Gesicht: Er ist oft ein romantischer und empfindsamer Einzelgänger, sympathisch und bemitleidenswert, für Liebhaberrollen geeignet. Eine nachgerade klassische Ausarbeitung dieser Figur gab Jean-Louis Barrault in Les Enfants du Paradis (Frankreich 1945, Marcel Carné) – unter Deburaus Bühnennamen Baptiste Deburau, melancholisch, weiß geschminkt, in weiße wallende Gewänder gehüllt. Jean-Paul Belmondo spielte in Jean-Luc Godards Film Pierrot le Fou (Elf Uhr nachts, Frankreich 1965) die Titelrolle nicht mehr als Inkarnation des Rollenfachs, sondern als dessen Kritik: Eine Figur, die das Geschehen nie kontrollieren kann und am Ende zum Selbstmord greift, um die Kette des Geschehenden zu unterbrechen.

Literatur: Ashdawn‑Lecointre, Leisha: Le Théâtre du peuple, Pierrot et Les Enfants du paradis. In: Bulletin de la Société Théophile Gautier, 21, 1999; S. 347‑355.Fischer, Lucy: Rabbit's Moon: the Pierrot figure in theater, painting and film. In: Millennium Film Journal, 10-11, Fall/Winter 1981, S. 123‑139. – Morgan, Daniel: 'No Trickery with Montage': On Reading a Sequence in Godard's Pierrot le fou. In: Film Studies: An International Review 5, Winter 2004, S. 8‑29. – Storey, Robert F.: Pierrot. A Critical History of a Mask. Princeton: Princeton University Press 1978; 2. Aufl. 1987. 


Artikel zuletzt geändert am 22.03.2012


Verfasser: AS


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