Lexikon der Filmbegriffe

Eskapismus-These

engl.: escape = fliehen; wohl von span.: escapar; dt. oft auch: Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht

Als Eskapismus bezeichnet man die Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit all ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d.h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit. In der Medienpsychologie gilt er als wichtiges Motiv der Mediennutzung. Nach der Eskapismus‑These werden Medien sowohl zur Befriedigung affektiver Bedürfnisse (Eskapismus) als auch zur Befriedigung kognitiver Bedürfnisse (Wissenserweiterung) herangezogen. In diesem Ansatz wird die Motivation des Mediennutzers ins Zentrum gestellt. Medienangebote werden demnach zur Alltagsflucht ausgewählt, so dass durch alltäglich erlebte gesellschaftliche Rollenausübungen erzeugte Spannungen abgebaut werden können. Motive sind demnach das Vergessen und Entfliehen vor eigenen Problemen sowie passive Entspannung und das Erzeugen von Emotionen und Ablenken von Regeln und Normen der Realität. Mediale Texte bieten sich als Mittel eskapistischer Nutzung an, weil sie dem Zuschauer imaginäre Gratifikationen in einem risikofreien Raum gewähren. Er weiß, dass ihm nichts passieren kann und er jederzeit aussteigen bzw. abschalten kann; er muss keine Verantwortung übernehmen und kann trotzdem aus seinen Alltagsrollen heraustreten und sich in die kompensatorische Medienwelt flüchten. Gerade fiktive Charaktere und unrealistische Abenteuer erleichtern die Flucht aus der Realität. Kritisiert wird die Eskapismus‑These insbesondere im Hinblick auf ihren Mangel an einer weitergehenden psychologischen Fundierung. Sie gehört dennoch zum festen Bestand der Bedürfnis‑ oder Motivforschung in der Medienwissenschaft.

Literatur: Henning, Bernd / Vorderer, Peter: Psychological Escapism. Predicting the Amount of Television Viewing by Need for Cognition. In: Journal of Communication 51,1, 2001, S. 100-120. – Kuhlmann, Christoph / Gehrau, Volker: Auf der Flucht vor dem Tod? Eskapistische Mediennutzung und narkotische Dysfunktion. In: Publizistik 56,3, 2011, S.305‑327. – Evans, Andrew: This Virtual Life. Escapism and Simulation in Our Media World. London: Fusion Press 2001. 


Artikel zuletzt geändert am 14.04.2012


Verfasser: W KB


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