Lexikon der Filmbegriffe

Kinemorphisierung

(1) Ausgehend von einer These Eisensteins, derzufolge filmische Formen Strukturen des Gedächtnisses adaptieren ebenso, wie das Erinnern auf Strukturen der filmischen Auflösung zurückgreift, ausgehend auch von Münsterbergs schon früh geäußerter Annahme, dass filmische Formen eine Art psychotechnischer Reproduktion menschlicher Denkprozesse seien, geht es in der Diskussion einer Kinomorphisierung um einen Vergleich von Darstellungsstrukturen in verschiedenen Künsten im Abgleich mit Strukturen des Gedächtnisses, ausgehend davon, dass es morphologische Affinitäten und Wechselwirkungen gibt, dass Kinomorphisierung also als dynamische Weiterentwicklung homo- oder gar isomorpher Strukturen beschrieben werden muss. So kann ein literarischer Texte nahe an den inszenatorischen oder narrativen Möglichkeiten des Films angesiedelt sein (als eine Art „Kinomorphismus“), eine Erinnerungserzählung Erzählformen des Kinos nutzen etc.

Literatur: Wegner, Bernd: Intertextualität und Intermedialität. Oder: Vom kinomorphen zum Film‑Text – am Beispiel der kinematographischen "Schimmelreiter"‑Transformationen (1934/1978/1984). In: Eversberg, Gerd u. Harro Segeberg (Hrsg.): Theodor Storm und die Medien. Berlin: Erich Schmidt 1999, S. 209‑245. – Wittmann, Matthias: Am Anfang war das Blackout. Zur Konstruktion des Gedächtnisses in der Erfahrung des Films. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft 2,1,  2010, S. 41-52.

(2) Manchmal irreführenderweise als Bezeichnung für die Kinemorphe der Gestenbeschreibungen Ray Birdwhistells, der seit den 1950ern bemüht war, eine Kinesik als Wissenschaft vom non‑verbalen Kommunikationsverhalten (Gestik, Mimik, Kommunikation) zu entwickeln. Er bediente sich dabei des Modells der strukturalen Linguistik und versuchte, kleinste Einheiten (Kine) zu isolieren, die sich als abstrakte Einheiten (Kineme) zu Systemen zusammenschließen. Die Varianz unterschiedlicher Realisierungen des gleichen Kinems faßte er als Allokine. So, wie in der Sprache von den Lauten zu den bedeutungstragenden Einheiten fortgeschritten wird, sind Kinemorphe kleinste morphologische und bedeutungstragende Einheiten. Das Modell spielt heute in der Forschung zur non-verbalen Kommunikation keine Rolle mehr.

Literatur: Birdwhistell, Ray L.: Introduction to kinesics. An annotation system for analysis of body motion and gesture. Louisville, Ky.: University of Louisville 1952. – Birdwhistell, Ray L.: Kinesics and context. Essays on body motion communication. Philadelphia, Penn.: University of Pennsylvania Press 1970. 


Artikel zuletzt geändert am 14.04.2012


Verfasser: KB


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