Lexikon der Filmbegriffe

kommunikativer Vertrag


In einer pragmatischen Theorie des Films steht nicht der Text an sich, sondern der Text innerhalb bestimmter institutioneller Kontexte im Mittelpunkt der Untersuchung. Ein Schlüsselbegriff ist hierbei der des „kommunikativen Vertrags“ oder „Pakts“, der erst die Rahmenbedingungen schafft, innerhalb derer die Zuschauer Texte verstehen können. Die Vertragsmetapher suggeriert nicht nur ein Moment des Gegenübers im kommunikativen Verkehr, sondern auch den Eindruck, dass kommunikative Beziehungen und Konstellationen etwas Einklagbares an sich hätten, als wäre der kommunikative Verkehr eine elementare Ausdrucksform des Ökonomischen. Die Vertragsmetapher entstammt der Sphäre des Warenverkehrs, sie nimmt juristisch regulierte Beziehungen als Modell auch des symbolischen Austauschs. Was vertraglich geregelt ist, erfüllt ein hohes Maß an formaler Qualität und steht zudem unter der Vorgabe hoher Rationalität. Roger Odin hat mit seinem Entwurf einer Semio-Pragmatik des Films eines der ambitioniertesten Modelle einer Pragmatik des Films vorgelegt, das die Vorverständigung zwischen Text und Rezipient reflektiert. Tatsächlich gilt wohl für alle Verträge, die auf Erfüllung gerichtet sind, dass sie konditionelle Vorausannahmen enthalten, aber nicht vor dem kommunikativen Akt schon erfüllt sind. Es ist evident, dass der jeweils besondere Kontrakt auf Erfüllungsbedingungen ausgerichtet ist, die eine gemeinsame Wissensbasis voraussetzen. Darum sind Gattungs- und Genrecharakteristiken (und auch die Bedeutungsversprechen, die mit den Images von Stars verbunden sind) so wichtig, weil sie eine Vorfestlegung über das umfassen, was der Text leisten und an Gratifikationen bereitstellen kann. Sie grenzen aber nicht nur den Spielraum ein, in dem der Text entfaltet werden kann, sondern setzen auch die Vorausleistungen fest, die der Zuschauer zu erbringen hat. Zwischen Autor und Leser muss eine Vereinbarung stillschweigend getroffen sein, die Fiktionalitätsgrad, Stimmigkeit und Affektivitätsform und -intensität von Geschichte und erzählter Welt festlegen und die darum gelegentlich durch den Text nicht eingelöst werden – Erwartungen basieren genau auf derartigen Übereinkünften, sind nicht allein schemagesteuert (das ist ihr kognitives Zentrum), sondern haben eben auch eine pragmatisch-institutionelle Grundlage.

Literatur: Casetti, Francesco: Filmgenres, Verständigungsvorgänge und kommunikativer Vertrag. In: Montage / AV 10,2, 2001, S. 155-173. – Odin, Roger (1994) Sémio-pragmatique du cinéma et de l‘audiovisuel. In: Towards a pragmatics of the audiovisual: Theory and history. 1. Ed. by Jürgen E. Müller. Münster: Nodus 1994, S. 33-46 (Film und Medien in der Diskussion. 4.). – Wulff, Hans J.: Konstellation, Kontrakt, Vertrauen: Pragmatische Grundlagen der Dramaturgie. In: Mon­tage / AV 10,2, 2001, S. 131-154. – Themenheft „Pragmatik des Films“ der Montage / AV, 11,2, 2002. 


Referenzen:

Fiktionsvertrag

Wahrnehmungsvertrag


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: HJW


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