Lexikon der Filmbegriffe

urban comedy

Urbanität ist eine verdeckte Voraussetzung für eine ganze Fülle von Geschichten und sogar für ganze Genres. Screwball-Komödien etwa sind auf großstädtische Lebensbedingungen und Verkehrsformen angewiesen. Es ist die Anonymität der Öffentlichkeiten, die ungemein hohe Bedeutung der Institutionen des gesellschaftlichen Lebens (von Zeitungen und anderen Medien über Restaurants und Clubs bis hin zu Ritualisierungen des Zusammenkommens wie Vernissagen oder andere Kulturveranstaltungen), die Herausbildung von Bekanntschaftsnetzen, die Organisation von Privatwelten innerhalb der Stadt, das Umgebensein von exzentrischen Figuren und Ereignissen, die das Städtische scharf gegen andere Handlungs- und Lebenswelten absetzen (insbesondere gegen die Kleinstadt, das Dorf oder das Landleben). Das Städtische wirkt sich bis in die Charakteranlage der Figuren hinein aus. Insbesondere die Filme Woody Allens sind eng mit städtischem Leben assoziiert; manche führen gar den Namen der Stadt im Titel (wie Manhattan, USA 1979; erinnert sei aber auch an andere Beispiele wie New York Stories, USA 1989). Urbane Komödien gibt es von Beginn der Filmgeschichte an in allen Großstädten der Welt; man denke an das Tokio in Tampopo (Japan 1985, Jûzô Itami) oder das Paris aus Le fabuleux Destin d'Amélie Poulain (Frankreich 2001, Jean‑Pierre Jeunet). Eines der Motive, das den die Figuren prägenden Charakter des Urbanen nur unterstreicht, ist die Genrefigur des Nicht-Städters (wie in The Out‑of‑Towners, USA 1979, Arthur Hiller, Remake: USA 1999, Sam Weisman, oder in Mystery Train, USA 1989, Jim Jarmusch).
Neue Modelle einer spät- oder postkapitalistischen Urbanität werden in Filmen greifbar, in denen es um Probleme der Identität in den Zeiten von Individualisierung und Neoliberalismus geht, die wiederum auf die Kondition des Urbanen angewiesen sind. Bitter-intellektuelle Komödien wie Jason Reitmans Up in the Air (USA 2009) oder Young Adult (USA 2009) bringen Momente einer dauerhaften Maskerade, eines Spiels mit den Symboliken des Erfolgs und der Suche nach der Erfahrung der eigenen Attraktivität zusammen mit tiefer liegenden Schichten von Wunschenergien, mit einer Einsamkeit, die nur rauschhaft überspielt werden kann, und einer Sexualität, in der das Narzisstische alle anderen Optionen aufzulösen droht.  


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: AS


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