Lexikon der Filmbegriffe

Werkimmanenz

von lat. in + manere = im Innern bleibend

In der westdeutschen Literaturwissenschaft der 1950er und 1960er Jahre galt die methodische (und weltanschauliche) Richtung der werkimmanenten Interpretation des „sprachlichen Kunstwerks“ als Königs- und Standardweg, um Bedeutungen und Strategien der Bedeutungserzeugung auf die Spur zu kommen. Allerdings setzte diese Form der Interpretation eine klar erkennbare Demutshaltung dem als autonom behaupteten Werk resp. seiner „inneren Form“ gegenüber voraus. Die Geschichtlichkeit der Literatur wurde ebenso abgeblendet wie die Kontexte von Politik, (ökonomischer, politischer und kultureller) Geschichte und Gesellschaft. Es waren Lehrbücher wie Wolfgang Kaysers Das sprachliche Kunstwerk (1948, 20. Aufl. 1992) oder Emil Staigers Die Kunst der Interpretation (1955, als Taschenbuch 5. Aufl. 1982), die die „Interpretation“ als kanonisches Verfahren durchsetzten. Auf der einen Seite war die „werkimmanente Interpretation“ einer spätbürgerlich‑irrationalen Kunst‑Ideologie verhaftet, bereitete auf der anderen Seite aber auf Grund der immensen Detailliertheit der textinternen Strukturen und Relationen neuere Theorien des „Werks“ vor (etwa der strukturalistischen Erzählforschung, der Gattungs- und Genretheorie, der sekundären modellbildenden Systeme, der semantischen und strukturellen Dichte etc.).

Literatur: Berghahn, Klaus L.: Wortkunst ohne Geschichte. Zur werkimmanenten Methode der Germanistik nach 1945. In: Monatshefte 71, 1979, S. 387‑398. – Hermand, Jost: Geschichte der Germanistik. Reinbek: Rowohlt 1994, S. 114-140. – Spree, Axel: Kritik der Interpretation. Analytische Untersuchungen zu interpretationskritischen Literaturtheorien. Paderborn [...]: Schöningh 1995 (Explicatio.).


Artikel zuletzt geändert am 17.06.2012


Verfasser: HJW


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