Lexikon der Filmbegriffe

Dispositiv


von franz.: dispositif = Vorkehrung, Einrichtung, Anordnung

Im Rahmen der Diskursanalyse formulierte Michel Foucault die These, dass alle gesellschaftliche Kommunikation in institutionalisierten Rahmen stattfinde. Sie dienten demzufolge nicht nur dazu, die in einer Gesellschaft überhaupt denk- und sagbaren Gegenstände hervorzubringen, sondern auch die innergesellschaftlichen Machtverhältnisse symbolisch zu reproduzieren und zu stabilisieren. Dispositive stehen in engem Zusammenhang mit alltäglichen Diskurs-Praktiken, in denen Gegenstände des Diskurses geordnet und bewertet werden, die zudem auf die kognitiven, moralischen, emotionalen und affektiven Bedingungen der Identität der einzelnen Kommunizierenden einwirken.
Heute kursiert der Dispositivbegriff in einer diesem komplexen Entwurf gegenüber stark reduzierten Fassung. In der üblichsten Verwendung wird damit das topische und technische Arrangement der Filmvorführung bezeichnet. Das Dispositiv verbindet Film und Zuschauer und hat Anteil an den Wirkungen des Films. Im Fall des Kinos lässt sich das Arrangement wie folgt charakterisieren: immobile Anordnung der Zuschauersubjekte in einem relativ dunklen Saal vor einer großen Leinwand, auf die Bilder projiziert werden, die von einem Apparat stammen, der (für die Zuschauer unsichtbar) hinter ihren Köpfen installiert ist. Dieses Arrangement lässt sich in mancher Hinsicht mit der Höhle aus Platons Höhlengleichnis vergleichen. Ihm wurden verschiedene Wirkungen zugeschrieben wie der traumähnliche, semi-regressive Zustand der Filmrezipienten und der daraus resultierende verstärkte Realitätseindruck.
Alle Medien konstituieren eine dispositive Ordnung: Das Fernsehdispositiv unterscheidet sich von der Konstellation der beteiligten Größen im Kino in mehrfacher Hinsicht: Das Bild ist kleiner, die Zuschauer können sich freier bewegen und das Programm wechseln. Neue Wahrnehmungsdispositive wie Laptop und Smartphone diversifizieren die Bedingungen der Filmwahrnehmungen weiter. In Filminstallationen in Museum oder anderen Showrooms ist die Gestaltung des Dispositivs oft integraler Bestandteil des Werks. Ein erweiterter Dispositiv-Begriff beinhaltet auch die Dimension der Rezeptionskultur. In diesem Sinn unterscheidet sich das Dispositiv des frühen von dem des klassischen Kinos und das Dispositiv individueller, voyeuristischer Kontemplation von dem der kollektiven Partizipation (etwa durch Mitsingen oder lautstarke Kommentierungen des Leinwandgeschehens).

Literatur: Baudry, Jean-Louis (2003) Das Dispositiv. Metapsychologische Betrachtungen des Realitätseindrucks [frz. 1975]. In: Riesinger, Robert (Hg.) Der kinematographische Apparat. Geschichte und Gegenwart einer Debatte. Münster: Nodus 2003, S. 41-62. – Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve 1978. Neuaufl. 2000. – Hickethier, Knut (1995) Dispositiv Fernsehen. Skizze eines Modells. In: Montage/AV 4,1, S. 63-83. – Kessler, Frank (2006) Notes on dispositif. URL: PDF" target="_blank">http://www.let.uu.nl/~Frank.Kessler/personal/notes%20on%20dispositif.PDF. – Paech, Joachim: Überlegungen zum Dispositiv als Theorie medialer Topik. In: Medienwissenschaft, 4, 1997, S. 400-420. 



Artikel zuletzt geändert am 04.09.2013


Verfasser: GKI


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