Lexikon der Filmbegriffe

Systemkritik

Für viele Filme bildet die Kritik an einem politischen, ökonomischen oder kulturellen System und an den daraus für das Individuum  erwachsenden negativen Konsequenzen den Fluchtpunkt eines diskursiven Kontextes und zugleich eine Grundlage für wirkungsästhetische Überlegungen, den Zuschauer in diese kritische Position einzuweisen. Immer sind die Filme selbst darum politisch, erzählen nicht nur ihre Geschichte oder dokumentieren ihren Gegenstand, sondern stehen selbst in gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Sei es, dass ganze gesellschaftliche Systeme (wie Apartheid, Faschismus, Kommunismus) behandelt werden, sei es, dass es um soziale Subsysteme geht (wie die Rolle korrupter Gewerkschaften, die Repressivität der Kirchen und dergleichen mehr), sei es, dass sich die Kritik auf Tugendsysteme und die Moralität des Handelns richtet (wie Geschichten um Denunziation, Gier, Bestechlichkeit etc.) – immer ist der Zuschauer mitgedacht, der die oft nur implizit vorhandene Kritik für sich ausformulieren und in eine „Moral von der Geschichte“ übersetzen muss.

Vor allem systemkritische Spielfilme argumentieren kasuistisch, erzählen ihre Geschichten als Exempla: Die Repressivität des Systems zeigt sich an dem, was es einzelnen zufügt. Vor allem unter Bedingungen der Kontrolle der Filmproduktion formulieren Filme ihre Kritik auch implizit in Parabeln und Allegorien (wie z.B. L‘Argent, Frankreich 1928, Marcel L‘Herbier), enden womöglich als Dystopien oder Endzeitvisionen. Andere entscheiden sich für größtmögliche Direktheit und klagen in bitteren Milieustudien die herrschenden Zustände an, wie in der viel beachteten Fernsehserie The Wire (USA 202-08, David Simon). Manche wiederum kommen als beißende Satire (Bamboozled, USA 2000, Spike Lee), derbe Parodie oder beklemmende Groteske daher. Vor allem Dokumentarfilme formulieren die Notwendigkeit der Veränderung oft expliziter als Spielfilme (wie etwa Erwin Wagenhofers Filme zur Nahrungsmittelproduktion oder zum Finanzkapitalismus [We Feed the World, Österreich 2005; Let‘s Make Money, Österreich 2008]).


Artikel zuletzt geändert am 22.06.2012


Verfasser: PB MB KB


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