Lexikon der Filmbegriffe

experimentelle Ästhetik

Die experimentelle Ästhetik gehört dem Feld der empirischen Untersuchung ästhetischer Urteile an. Sie wurde von Gustav Theodor Fechner im 19. Jahrhundert begründet (in seiner Vorschule der Ästhetik, 1876). Das Ästhetische ist aus Fechners Sicht ein erlebter, subjekt-bezogener Wert, der unter Berücksichtigung von Personen‑ und Objektmerkmalen empirisch fassbar sei. Das Ästhetische kommt in dieser Auffassung nicht mehr als absoluter Wert dem Werk zu – dieses enthält nur strukturelle Qualitäten und inhaltliche Potentiale –, sondern ist vielmehr eine Tatsache, die sich erst in subjektivem Denken und Erleben manifestiert, auch wenn die Auffassung von spezifischen Gegenständen als „ästhetisch“ (oder „ästhetisch wertvoll“) zugleich eine soziale Tatsache ist und die Gemeinsamkeit von Geschmacks und Stil- bzw. Objektkulturen für die Entstehung sozialer Aggregationen sogar konstitutiv sein kann. Die Leitfrage ist bei aller weiteren Differenzierung: Wie und warum wird ein Gegenstand als „schön“ qualifiziert und empfunden?

Der experimentelle Zugriff sucht durch konsequente Variation der Bedingungen ästhetischen Erlebens sowie kunst(werk)bezogenen Verhaltens auf dessen innere Form zu schließen. Meist werden drei Ebenen unterschieden – eine physiologische, die sich auf leibunmittelbare Reaktionen bezieht, eine phänomenale, die das geistige Erleben und dessen Selbstwahrgenommenheit meint, sowie eine behaviorale, die alle Formen des ästhetisch motivierten oder induzierten Verhaltens meint. Verfahren der experimentellen Ästhetik sind neben Techniken der Textvariation, Paarvergleichen, Rangreihenbildungen, Skalierungen, semantischen Differentialen, Reaktionszeitmessungen und ähnlichem sowie Verfahren der physiologischen Reaktionsuntersuchung vor allem auch (auf individuelle und auf kollektive Äußerungen bezogene) Verhaltensbeobachtungen. Heute werden gelegentlich Verbindungen zu einer aber noch ganz unentwickelten „Neurologie des Ästhetischen“ (Neuroästhetik) hergestellt. 

Literatur: Kebeck, Günther / Schroll, Henning: Experimentelle Ästhetik. Wien: Facultas.wuv 2011 (UTB. 3474./Psychologie.).


Artikel zuletzt geändert am 22.06.2012


Verfasser: HJW


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