Lexikon der Filmbegriffe

Todesdarstellung


So häufig auch der Tod von Protagonisten zur Erzählung gehört und meist einen der Höhepunkte emotionaler Beteiligung der Zuschauer darstellt, so wenig ist der Sterbevorgang selbst Gegenstand der Darstellung – er wird meist auf wenige visuelle Kürzel reduziert, schauspielerisch als Aufhebung aller Körperspannung symbolisiert, oft begleitet durch trauernd-kommentierende Musik. Die Sterbeszene wird zum theatralischen Ereignis, umfasst die Reaktion der Umstehenden (wie in Terms of Endearment, USA 1983, James L. Brooks). Manchmal wird auf Lichtarchitekturen (der Tod als Durchgang in das Reich des Lichts) als Symboliken des Dahingehens zurückgegriffen.  Selbst im Dokumentarfilm wird aber auf die Hilfsmittel der Metaphorisierung und vor allem Symbolisierung zurückgegriffen, um dem Geschehen Ausdruck zu geben; so fährt im Schlussbild von Wim Wenders‘ Nick's Film: Lightning over Water (BRD 1980) eine rote Dschunke mit der Urne Nicholas Rays, dessen Sterben der Film begleitet hatte, aufs Meer hinaus (ähnlich verfährt auch Jim Jarmuschs lange Sterbegeschichte Dead Man, USA 1995, der mit einem Boot endet, der den nun Toten auf das Meer hinausträgt).
Auch narrativ ist der Tod der Figurträger ganzer Motive (wie des Liebestodes oder der Todeshochzeit); je nach Kontext wird auf Konzeptualisierungen des Todes zurückgegriffen – da ist der heroische, der süße oder der beiläufige Tod, der Tod als Opfer für andere oder auch der Liebestod als Vollendung einer sozialen Bindung. Selbst die manchmal bildersturzartige Rekapitulation des Lebens im Moment des Sterbens ist Konvention und narratives Mittel, signalisiert die Aufhebung der subjektiven Zeit (wie in Nicolas Roegs Don‘t Look Now, Großbritannien 1973).
Ganze Filme zentrieren den Tod der Figur im Spiegel der Trauerarbeit der Angehörigen (wie in La Stanza del Figlio, Italien/Frankreich 2001, Nanni Moretti). Hier kann die Auseinandersetzung mit dem Tod in stillem Reflektieren (Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen, Schweiz 2003, Stefan Haupt), lyrischem Ausloten oder als sehr persönliche Trauerarbeit stattfinden (Mein kleines Kind, BRD 2001, Katja Baumgarten).
Das Sterben selbst ist im Dokumentarfilm mehrfach thematisiert worden, immer im Bemühen darum, der Theatralisierung und Stereotypisierung des Sterbens entgegenzuwirken. Allan King beobachtet etwa in Dying at Grace (Kanada 2003) vierzehn Wochen das Sterben von fünf Patienten auf einer Pflegestation in Torontos Grace Hospital. Rolf Schübels Der Indianer (BRD 1987) begleitet einen Krebskranken (der nach den Dreharbeiten starb) in der langen Zeit davor, in der immer wieder die lebensgeschichtlich so zentrale Frage nach den Wertorientierungen gestellt wird. Filme wie Patrice Chéreaus Son Frère (Frankreich 2003) nehmen diese Orientierung auf.
Andere Genres sensationalisieren Tod und Sterben insbesondere als Körperzerstörung. Gehen manche Kriegsfilme den Weg einer noch konsequenteren Heroisierung, zelebrieren Splatter- und Slasher-Filme den Tod der Figuren ihn in einer Rhetorik des Übertreibens, ebenso manche Grotesken, die allgemein dem Gelächter preisgeben, was in der gesellschaftlichen Kommunikation als ernst gilt. Der (meist gewaltsame) Tod von Nebenfiguren (und sogar von Deuteragonisten) ist funktionales Sterben, er unterstreicht die Gefahr für die Hauptfiguren, unterzieht den Ausgang der Geschichte vielleicht mit Melancholie. Eigene Aufmerksamkeit genießt er nicht.


Referenzen:

Selbstmord im Film

Tod im Film

Tod im Film: Personifikationen des Todes


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2012


Verfasser: CA PB


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