Lexikon der Filmbegriffe

Standardsituation

terminologisch vor allem als Bezeichnung einer Spielsituation in einem Mannschaftssport, die sich aufgrund einer vorherigen Spielunterbrechung ergibt (im Fußball etwa Freistoß, Einwurf oder Anstoß); dort auch kurz Standard; als dramaturgische Bezeichnung wohl zuerst in der Kritik gebräuchlich, wo sie bis heute verbreitet ist

Die Überlegung, dass Geschichten gerade in stereotypisierten Szenarien entscheidende Impulse erhalten, die sie vorantreiben oder in denen sich die Konflikte und Konfrontationen manifestieren, ist nicht nur für jede Gebrauchsdramaturgie von größter Bedeutung, sondern gehört auch zu den narrativen Kernelementen der Genretheorie. Die „erste Begegnung“ oder der „Heiratsantrag“ im Liebesfilm, das „Duell“ im Western, die „Last-Minute-Rescue“ in vielen Spannungsfilmen, der „Einbruch des Unheimlichen“ im Horrorfilm, der „Rausch“ als Übergang einer Figur in einen anderen mentalen Zustand – eine Unzahl von Szenen basieren auf einem fundamentalen dramaturgischen Wissen, das narrativ wirksame Konstellationen von Figuren und Umständen in hochgradig schematisierter und klischierter Form umfasst. Die Stereotypie derartiger Situationen ermöglicht zum einen eine oft verkürzende Darstellung; zum anderen fungieren sie als Repräsentationen dramatischer Wendepunkte, sind also unmittelbar mit makrotextuellen Strukturen verknüpft. Wird das Standardszenario zerdehnt (wie etwa das Duell in manchen Italowestern), wird die Klischeehaftigkeit des Szenarios selbst zum Thema und zur Grundlage ästhetischer Ausarbeitung.

Zwei andere Grundformen von Standardsituationen lassen sich neben diesem narrativen Funktionskreis ausmachen: Manche basieren auf Ritualen, die nicht filmspezifisch sind (wie etwa die „ehrenvolle Beerdigung toter Kollegen“ oder die „Ordensverleihung“ im Polizeifilm) und die die Handlung moralisch und affektiv eher resümieren und kommentieren als befördern. Und Szenen eines weiteren Typus sind als emotional anrührende Elemente gesetzt (wie etwa das „Wiedersehen nach langer Trennung“, aber auch das „vergebliche Warten“ auf einen ersehnten Liebespartner), aktivieren die empathisierende Anteilnahme des Zuschauers. Manchmal werden zudem geschlossene Handlungsorte (wie etwa der „Zug“) zu den Standardsituationen gezählt.
So sehr die Verwendung von Standardsituationen zum dramaturgischen Alltagswissen gehört, steht eine Systematisierung (etwa im Sinne einer Geschichtengrammatik oder einer Funktionenanalyse im Proppschen Sinne) aus. Auch mediengenealogische oder intermediale Überlegungen zu ihrer Verwendung im Theater, im Computerspiel uswsind bis heute nicht vorgelegt worden.

Literatur: Rauscher, Andreas [...] (Hrsg.): Mythos 007. Die James‑Bond‑Filme im Fokus der Popkultur. Marburg: Schüren 2006. – Rauscher, Andreas: Spielerische Fiktionen. Transmediale Genrekonzepte in Videospielen. Marburg: Schüren 2012. – Salis, Christian Georg: Der Böse steht noch einmal auf... und andere Klischees in Hollywood-Filmen. Marburg: Schüren 2006.

Referenzen:

Motiv: dramatische Motive


Artikel zuletzt geändert am 21.10.2012


Verfasser: HJW


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