Lexikon der Filmbegriffe

Videohermeneutik

Die Hermeneutik galt ursprünglich als Kunstlehre der Interpretation und stammt aus der christlichen Bibel-Exegese. Die philosophische Hermeneutik konzentrierte sich auf Operationen des Interpretierens und Sinnverstehens des Subjekts (z.B. in Auseinandersetzung mit Texten). Die Videohermeneutik ist Teil der qualitativen Sozialforschung, sie versucht sich an der Rekonstruktion von sozial relevanten Bedeutungsproduktionsprozessen (z.B. anhand von Interaktionen in TV- Produktionen) und ihren Rahmenbedingungen. Audiovisuelle Darstellungen werden dabei als symbolische Ordnungen gesehen, die auf kulturellen Aushandlungen und Diskursen aufruhen und somit Zugänge zum Sozial- und Kulturverständnis ermöglichen. Ziel ist die Rekonstruktion der „objektiven Bedeutung“ des Medienprodukts. Dies geschieht anhand von Interpretationen, die die Reziprozität von Einzelelementen und dem Gesamtprodukt fokussieren. Zwei zentrale Analyseprinzipien lassen sich exponieren: Die Einklammerung von Kontextwissen bei der Interpretation dient dazu, die Besonderheit einer Konstruktion zu exponieren. Die Kontrastierung mit einer abweichenden Sequenz innerhalb einer Analyse dient der Validierung resp. Falsifizierung einer zuvor gebildeten Hypothese. Die Videohermeneutik hat große Gemeinsamkeiten mit der wissenssoziologisch geprägten Videoanalyse. Von der filmwissenschaftlichen Analyse unterscheidet sie sich durch eine Hinwendung zu symbolischen, ordnungsstiftende Interaktionen und ein sekundäres Interesse an formalästhetischen Elementen, die als hier lediglich als Faktoren der Sinngenese verstanden werden.
 
Literatur: Bohnsack, Ralf: Qualitative Bild- und Videointerpretation. Die dokumentarische Methode. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich 2009. – Raab, Jürgen / Tänzler, Dirk: Video Hermeneutics. In: H. Knoblauch [...] (Hrsg.):Video Analysis. Methodology and Methods. Qualitative Audiovisual Data Analysis in Sociology. Frankfurt: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2009. – Reichertz, Jo / Englert, Jasmin: Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. Wiesbaden: VS 2011. 


Artikel zuletzt geändert am 30.07.2012


Verfasser: MD


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