Lexikon der Filmbegriffe

Antike im Film

In der Anfangsphase der Filmgeschichte diente der Rückgriff auf klassische Inhalte (Geschichte der Römer und Griechen; frühes Christentum und Bibel; Kleopatra) der Legitimation der zehnten Muse und korrespondierte mit damaligen Bildungsinhalten sowie dem Kulturbetrieb um 1900 (toga plays, Historienmalerei, Romane). Mit zunehmender ökonomischer Potenz beherrschten amerikanische Filmstudios nach anfänglicher Dominanz der Europäer (Cabiria, Italien 1914) das Genre der Antikfilme, die meist Ausstattungs- bzw. Monumentalfilme (Ben Hur, USA 1925) waren. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte in den USA und weiten Teilen Europas allerdings ein Modernisierungsschub ein, der genauso wie das Aufkommen des Tonfilms das Pathos vorangegangener Stummfilme zur Antike obsolet machte. Cecil B. DeMille sollte zu den wenigen gehören, die in den 30er Jahren epics zur Antike produzierten (Sign of the Cross/Cleopatra USA 1932/1934). Die Schrecken des 2. Weltkrieges, der Zivilisationsbruch des Holocausts und die nach 1945 einsetzende ideologische Frontstellung zwischen dem West- und Ostblock begünstigten in Europa wie in den Staaten eine gesellschaftliche und kulturelle Restauration. Die scheinbar unbelastete Antike hatte somit wieder Konjunktur. Die großen Hollywoodproduktionen der 50er und frühen 60er Jahre (Quo Vadis 1951; The Robe 1953; Ben Hur 1959; Spartacus 1960), in denen häufig ein korruptes Rom im Kampf mit der frühen Christenheit steht oder als Gegenentwurf zu amerikanischen Freiheitsidealen erscheint, und die europäischen B-Produktionen neomythologischen Inhalts (die sogenannten Peplums) boten dem Publikum durch exotische Schauwerte Ablenkung vom Alltag. Die erotische Aufladung der Filmhandlung begünstigte den zeitgenössischen Voyeurismus, der wegen der zeitlichen Ferne und des häufig mit dem Filmende einhergehenden Endes der Sünde(r) die Zensurbestimmungen umgehen konnte.
Dienten die Antikfilme gerade wegen der opulenten Farbtechnik und des Breitwandsystems ursprünglich als Garant im Kampf mit dem jungen Fernsehen um die Zuschauergunst, so wurden ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die antiken Inhalte zunehmend im Kino von Action und Science-Fiction abgelöst, hielten sich aber vereinzelt in der Fernsehlandschaft (I, Claudius, Großbritannien 1976; A.D., USA/Italien/Frankreich 1985). Zu einem Wiederaufleben verhalfen dem Antikgenre um Fantasyelemente erweiterte Fernsehserien antiker Mythen (Hercules, USA/Neuseeland 1995-99). Zum Millennium kehrte der Antikfilm ins Kino zurück und belebte nicht nur den Römerfilm neu (Gladiator, USA 2000), sondern war auch der Anstoß für Filmprojekte zur griechischen Mythologie und Geschichte (Troja/Alexander, USA 2004). In Ermangelung neuer Narrative ist der konventionelle Antikfilm im Kino mittlerweile zum Probierfeld digitaler Machbarkeit geworden, mit einem vornehmlich  jugendlichen Fanpublikum. Fernsehproduktionen hingegen bieten zwar neue Aspekte (wie z.B. eine weibliche voice of God in Spartacus, [zweiteiliger TV-Film] USA 2004, oder die konsequent eingehaltene Perspektive der kleinen Leute in Rome, [TV-Serie] USA 2005-07), nutzen aber auch wieder die Antike, um durch Tabubruch (wie durch Sex- und Gewaltszenen in der TV-Serie Spartacus: Blood and Sand, USA 2010) im Zeitalter der Privatsender Zuschauer zu gewinnen.

Literatur: Berti, Irene /  Garcia Morcillo, Marta (eds.): Hellas on Screen: Cinematic Receptions of Ancient History, Literature and Myth. Stuttgart: Steiner 2008. – Dumont, Hervé: L‘antiquité au cinéma. Vérités, légendes et manipulations. Paris/Lausanne: Nouveau Monde Ed. 2009. – Wieber, Anja: Antike am laufenden Meter – mehr als ein Jahrhundert Filmgeschichte. In: Antike und Mittelalter im Film. Konstruktion – Dokumentation – Projektion. Hrsg. v. Mischa Meier u. Simona Slani. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2007, S. 19-41. 
 

Referenzen:

Antike und Sciencefiction-Film

Antikfilm

Bibelfilm

Kleopatra im Film

Monumentalfilm

Peplums: Nachgeschichte

Peplums: Stoffe und Geistesgeschichte


Artikel zuletzt geändert am 30.08.2012


Verfasser: AW


Zurück