Lexikon der Filmbegriffe

Tangofilm

Als am Anfang des 20. Jahrhunderts das junge Medium Film in der bürgerlichen Unterhaltungsszene Fuß fasste, begann auch in Europa das Tangofieber. Erste Stummfilme reagieren auf den Erfolg der neuen Tanzmode. In der Tonfilmzeit entstehen zahlreiche Filme, die Tangos und ihre Interpreten propagieren und wirksam für neue Musikwaren (Schallplatten, Noten) werben. Leidenschaft, Trauer, Melancholie als Gefühlsbotschaften des argentinischen Tangos erleben in Europa zunehmend Deformationen in Richtung Komik und Groteske.
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs verliert der Tango an Bedeutung und berühmte Tangoszenen in Filmen wie Some Like It Hot (USA 1959) inszenieren ihn als komische Nummer. Die Situation ändert sich erst, als ab 1960 der argentinische Tango nuevo bekannt wird, mit Einflüssen aus der neuen Musik und des Jazz. Nach Ende der Militärdiktatur 1983 steht die neue Tangomusik auch für eine neue politische Ausrichtung. Filme wie Das Autogramm (BRD 1984) und besonders die argentinischen Filme von Francesco Solanas‘ El exilio de Gardel: Tangos (Frankreich/Argentinien 1985) und Sur (Argentinien 1988) zeigen dies eindrucksvoll. Die sinnliche Schönheit des Tangotanzens, seiner Musik, seiner Protagonisten und der legendären Entstehungsgeschichte des Tango  präsentieren  zahlreiche Filme, etwa Tango (Spanien/Argentinien 1998) von Carlos Saura. Und nicht zuletzt die Sehnsucht der Europäer nach dem melancholisch-schönen argentinischen Import, wie sie Sally Potter in Tango Lesson (Großbritannien 1997) zum Ausdruck bringen kann. Als dramatisches Motiv ist die Intimität der Berührung und die Intensität der Bewegung des Paares in Filmen wie Naked Tango (Schweiz [...] 1990, Leonard Schrader) oder Scent of a Woman (USA 1992, Martin Brest) als Klimax der Darstellung von Sinnlichkeit gefeiert worden – ein weiterer Hinweis darauf, dass es keinen Tanz mit so vielen affektiv-sexuellen Aufladungen wie den Tango gibt.

Literatur: Couselo, Jorge Miguel: Le tango au cinema. In: L'Avant‑Scène Cinéma, 377/378, Janv./Fév. 1989, pp. 134‑145. - Ochoa, Pedro: Tango y cine mundial. Ciudad Autonoma de Buenos Aires, Argentina: Ediciones del Jilguero 2003. – Young, Richard A.: Films, tangos and cultural practices. In: Cinémas: Révue d‘Etudes Cinématographiques 7,1/2, 1996, pp. 187‑203. 


Artikel zuletzt geändert am 30.08.2012


Verfasser: FRI


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