Lexikon der Filmbegriffe

Gesamtkunstwerk

engl.: total work of art, ideal work of art, universal artwork, synthesis of the arts

Als Gesamtkunstwerk bezeichnet man ein Werk, in dem verschiedene Künste, wie Musik, Dichtung, Tanz/Pantomime, Architektur und Malerei, vereint sind. Dabei ist die Zusammenstellung nicht beliebig und illustrativ: die Bestandteile ergänzen sich notwendig. Das Gesamtkunstwerk hat sogar eine „Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität“ (Odo Marquard). Die Idee des Gesamtkunstwerks entsteht in der Zeit der Romantik, fand aber erst in den ästhetisch-programmatischen Schriften Richard Wagners seine eigentliche Programmatik: In seinem Buch Oper und Drama (1852) werden die einzelnen Künste einem gemeinsamen Zweck untergeordnet. Als Vorbild und Feindbild zugleich hatte er die französische grand opéra vor Augen, in der alle Bühnenkünste auf ihrem neusten technischen Stand vereinigt waren. Das Gesamtkunstwerk sollte danach alle Einzelgattungen der Kunst vernichten und umfassen gleichermaßen, um zu einer „unbedingten, unmittelbaren Darstellung der vollendeten menschlichen Natur“ gelangen zu können.
Dass auch der Film die Potenz besitzt, alle Einzelkünste in diesem von Wagner angedeuteten Sinne zu umgreifen und zu integrieren, ist vor allem in einer kunsthistorisch geschulten Kritik immer wieder angesprochen worden (so dass Filme wie La règle du jeu, Frankreich 1939, Jean Renoir, oder Otto e mezzo, Italien 1963, Federico Fellini, neben anderen als „filmische Gesamtkunstwerke“ annonciert werden). Eine eigene theoretische Programmatik hat es aber – von Hermann Häfkers „Kinetographie“ (1915) und einigen Überlegungen aus den 1920ern sowie Arbeiten zur Filmmusik abgesehen – nicht gegeben. 

Literatur: Zur Konzeptgeschichte: Hiß, Guido: Synthetische Visionen: Theater als Gesamtkunstwerk von 1800 bis 2000. München: epodium Verlag 2005. – Zur Filmtheoriegeschichte: Häfker, Hermann: Kino und Kunst. Mönchen‑Gladbach: Volksvereins‑Vlg. 1913. Dazu: Diederichs, Helmut H.: Frühgeschichte deutscher Filmtheorie. Ihre Entstehung und Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg. Habil.-Schr. Frankfurt 1996, S. 182-207. – Augenblick, 8, 1990 (= Der Stummfilm als Gesamtkunstwerk).


(2) Heute oft allgemein und alltagssprachlich als Bezeichnung multimedialer Inszenierungen (einschließlich der Multmedialität des Films selbst) verwendet. 


Artikel zuletzt geändert am 03.09.2012


Verfasser: KB HHM


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