Lexikon der Filmbegriffe

Militärschwank: Deutschland

Dass der Militärschwank, der in den 1930ern nach dem überwältigenden Erfolg von Drei Tage Mittelarrest (1930, Carl Boese) zu einem Erfolgsgenre gerade des deutschen Films wurde, hat wohl damit zu tun, dass er nicht nur für die männlichen Zuschauer an eine Zwangsphase der eigenen Biographie anknüpfte und sie von den negativen Erfahrungen von Krieg, Tod und Niederlage entlastete, wird von der Wiederkehr des Genres im Kino der 1950er funktional bestätigt (man denke an Filme wie die 08/15-Trilogie, 1954-55). Die Handlung der meisten Militärschwänke spielt vor den Kriegszeiten; das Verhalten der Figuren erinnert an das Verhalten von halbwüchsigen Schülern in Internaten und deren oft pubertär wirkende Streiche und Scherze. Die Geschichte des Genres beginnt bereits in der frühen Stummfilmzeit (Hurrah Einquartierung, 1913, Franz Hofer, Pantoffelhelden, 1912, oder Der FEldherrenhügel, 1926). Manche Schwänke zeichneten sich durch einen ironischen Ton im Umgang mit den militärischen Hierarchien aus (weshalb ein Film wie Der Stolz der 3. Kompanie, 1932, Fred Sauer, trotz der Mitwirkung eines beliebten Schauspielers wie Heinz Rühmann in der Nazizeit verboten wurde). Das genuin deutsche Genre verschwand während der Nazizeit fast vollständig und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt – allerdings mit weit geringerem Erfolg als in den frühen 1930ern, oft mit deutlich klamaukhaftem Anstrich. Dabei wurde meist an populäre Buchvorlagen angeknüpft (wie ie Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma in Wenn Ludwig ins Manöver zieht, 1967, Werner Jacobs). Der wohl meistverfilmte Stoff basiert auf Jaroslav Haseks Roman Der brave Soldat Schwejk (1921 veröffentlicht; die bekanntesten Verfilmungen: Der brave Soldat Schwejk, BRD 1958, Axel von Ambesser, mit Heinz Rühmann; Schweijks Flegeljahre, Österreich 1963, Wolfang Liebeneiner, mit Peter Alexander; 13teilige TV-Serie: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, Österreich/BRD 1972-76, mit Fritz Muliar als Schwejk). Eine der Satire nahestehende Variante ist Helden (BRD 1958, Franz Peter Wirth), der deutlich auf sich verändernde Bedeutungshorizonte des Militärischen verweist (trotz der fast gleichzeitigen Wiederbewaffnung der BRD). Seit den 1970ern wird das Genre zunehmend zur Marginalie – auch wenn Filme, die im Militär-Milieu spielen, auch später noch mit Elementen des Schwankhaften spielen (wie NVA, BRD 2005, Leander Haußmann).

Literatur: Hickethier, Knut / Bier, Marcus: Das Unterhaltungskino I: Militärschwänke im Kino der zwanziger Jahre. In: Harro Segeberg (Hg.): Die Perfektionierung des Scheins. Das Kino der Weimarer Republik im Kontext der Künste. München: Fink 2000, S. 67-94 (Mediengeschichte des Films. 3.). – Michel, Alain: Der Militärschwank des kaiserlichen Deutschland. Dramaturgische Struktur und politische Funktion einer trivialen Lustspielform. Stuttgart: Akademischer Verlag Heinz 1982 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik ; Nr. 110.). – Schmidt, Wolfgang: „Barras heute“. Bundeswehr und Kalter Krieg im westdeutschen Spielfilm der frühen sechziger Jahre. In: Krieg und Militär im Film des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Bernhard Chiari. München: Oldenbourg 2003, S. 501‑541.

Referenzen:

Kaczmarekfilm

Militärklamotte

Rekrutenfilm


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück