Lexikon der Filmbegriffe

Naturalismus

Als Naturalismus bezeichnet man eine Epoche oder Strömung in der Roman- und Theatergeschichte, die – gestützt durch das zeitgenössische Interesse an einem naturwissenschaftlichem Verständnis auch sozialer Verhältnisse und Prozesse – von Frankreich, Deutschland und Russland ausging und ca. von 1870 bis 1900 intensiv diskutiert und mit literarischer Produktion bedient wurde (Emile Zola, Anton Tschechow, Gerhart Hauptmann, Henrik Ibsen als einige der bekanntesten Literaten). Für den Film ist nicht nur der Anspruch, die Menschen und ihre Umgebung glaubwürdig darzustellen – ungeschönt-realistisch, mit manchmal banalen Themen, meist im Unterschichten-Milieu spielend –, von Bedeutung, sondern auch seine ausstattungs- und schauspieltechnischen Implikationen. Schon der Bühnennaturalismus hatte versucht, eine Illusion des Realen mit möglichst realistischen, nicht bloß gemalten oder angedeuteten Bühnenbildelementen und Kostümen zu erreichen. Im Schauspielen suchte man das Bühnenspiel dem realen menschlichen Ausdrucks- und Kommunikationsverhalten anzunähern (sei es durch Beobachtung und Nachahmung, sei es durch Erinnerung); François Delsarte und Konstantin Stanislawski waren Schauspiellehrer, die den Anspruch in Schauspielerausbildung umzusetzen versuchten. Der Zuschauer wurde konzipiert als letztlich wissenschaftlich motivierter Betrachter, der das Geschehen wie in einem Herbarium durch die vierte Wand hindurch betrachten kann.
Im Film steht das Konzept des Naturalismus für eine möglichst genaue Rekonstruktion der realen Konditionen der Geschichte, die es zu erzählen gilt, von den sozialen Bedingungen, den Abhängigkeiten der Figuren, den kommunikativen Stilen, die in ihrem Milieu gelten, bis hin zu ihrem Umgehen mit Affekten, Wünschen, Ängsten etc. Das Konzept ist enger als das verwandte Realismus-Konzept, nähert sich dem Dokumentarischen an. Filme wie der nach Theodore Dreisers Roman entstandene Film An American Tragedy (USA 1931. Josef von Sternberg), vor allem aber diverse Stummfilme (wie etwa diverse Griffith-Filme) sind dem Konzept des Naturalismus verpflichtet. Heute nehmen Filmemacher wie Ken Loach die sozialrealistischen Impulse des Naturalismus auf, ohne sich aber explizit auf die Richtung zu beziehen.

Literatur: Conley, Tom: Death, growth, and Regeneration (1915). In: Film Criticism 25,1, 2000, S. 25‑46. – Singer, Robert / Smith, Diane: A drunkard's representation. The appropriation of naturalism in D.W. Griffith's Biograph films. In: Griffithiana, 65, May 1999, S. 96-112. – Marcus, Laura: Cinematic Realism: A recreation of the world in its own image. In: Adventures in realism. Ed. by Matthew Beaumont. Malden, Mass. [...]: Blackwell 2007, S. 177-192. – Weisberg, Gabriel P. (Hrsg.): Illusions of Reality. Naturalismus 1875-1918. Stuttgart: Belser 2010. – Excavatio 22,1-2, 2007: Naturalism and realism in film studies.

Referenzen:

Realismus


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: HJW


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