Lexikon der Filmbegriffe

Transkulturalität

Transkulturalität ist ein Konzept, mit dem versucht werden soll, die Nichtfeststellbarkeit von Kulturen, ihre permanente Dynamik und Fluidität sowie die Neigung, Grenzen zwischen Kulturen immer wieder zu überschreiten; es soll die Konzepte der „Interkulturalität“ (in dem die Vorstellung eines Austauschprozesses zwischen regional bestimmbaren Kulturen vorherrscht, in dem kulturelle Zwischenformen herausgebildet oder zwischen denen konflikthafte Beziehungen ausgetragen werden) wie auch des „Postkolonialismus“ ablösen (das den Akzent auf das Fortleben und die Neuformierung von Machtverhältnissen zwischen der Ersten und der Dritten Welt resp. der kolonialistischen Machthaber auch nach der Zeit des Endes der Kolonialreiche legt). Das Konzept des Transkulturellen wurde erstmals wohl durch den kubanischen Ethnologen Fernando Ortiz skizziert (1940: Contrapunteo cubano del tabaco y azucar), vor allem durch Mary Louise Pratt in die neuere Diskussion eingeführt (1992: Imperial Eyes: Travel Writing and Transculturation). Transkulturalitätsforschung nimmt eine weltweite Öffnung und Dynamisierung der Kulturen mit einer folgenden Durchdringung, Beeinflussung oder Imitation kultureller Muster der beteiligten nationalen und sozialen Sphären, die Herausbildung von neuen Strategien der Ab- und Ausgrenzung, eine Neugliederung des Lebensraums (etwa als ethnospace, aber auch als mediaspace in einem regional nicht mehr feststellbaren Sinne) als Bestimmungselemente des Transkulturellen an. In der Filmgeschichtsschreibung sind bislang höchstens Entwürfe einer transkulturellen Untersuchung letztlich nationaler Filmproduktionen entstanden; dass es allerdings in den letzten Jahrzehnten zu einer weltweiten Hybridisierung der filmischen Erzähl- und Ausdrucksweisen gekommen ist, ist unstrittig. Das cinéma du beur, Formen des Migrantenkinos oder auch das accented cinema dienen dabei als solche Stilrichtungen, die die Wirksamkeit einer transkulturellen Einflußnahme verschiedenster nationaler Kinematographien und Stilistiken illustrieren.

Literatur: Kimmich, Dorothee / Schahadat, Schamma (Hrsg.): Kulturen in Bewegung. Beiträge zur Theorie und Praxis der Transkulturalität. Bielefeld: Transcript 2012. – Strobel, Ricarda / Jahn‑Sudmann, Andreas (Hrsg.): Film transnational und transkulturell. Europäische und amerikanische Perspektiven. München [...]: Fink 2009. – Welsch, Wolfgang: Transculturality: The Puzzling Form of  Cultures Today. In: Mike Featherstone, Scott Lash (eds.): Spaces of Culture. City, Nation, World. London/New Delhi: Sage 1999, S. 194-213.

Referenzen:

cinéma du métissage

kosmopolitisches Kino


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: HHM


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