Lexikon der Filmbegriffe

Wirtschaftskrimi


auch: Wirtschaftsthriller; engl. manchmal: white-collar crime film

Der Wirtschaftskrimi ist ein Kriminalfilm, in dem ein Kapital- oder Wirtschaftsverbrechen im Mittelpunkt steht, die Handlung im ökonomischen Milieu – etwa in einem Konzern – angesiedelt ist oder das Wirtschaftssystem selbst in seinen Auswirkungen und Strukturen als tendenziell verbrecherisch dargestellt wird. War der Kriminalfilm im frühen Kino zunächst an bestimmte urbane Milieus gebunden, weitet sich das Verbrechen im Lauf der Filmgeschichte auf immer neue Schauplätze aus. Im Wirtschaftskrimi wird der Gegensatz von legaler und krimineller Ordnung schließlich tendenziell ins Gegenteil verkehrt: Die Verbrecher entstammen nun der werktätigen Bevölkerung oder gar den ökonomischen Eliten und gehören somit selbst zu den Trägern jener Gesellschaft, die durch die kriminelle Tat infrage gestellt wird. Die für den Kriminalfilm charakteristische Dynamik von Normabweichung und -restaurierung wird im Wirtschaftskrimi also insofern moduliert, als dass die Strukturen der Wirtschaft nun als eine Norm erscheinen, die das Verbrechen selbst produziert. Die Täter können dabei als trickreiche Rebellen gegen das System, als dessen Opfer oder – wie die berühmte Figur des Gordon Gekko aus Oliver Stones‘ Wall Street (1987) – als regelrechte Emanationen seiner kriminellen Eigenlogik auftreten.
In der Form des klassischen Detektivfilms ist der Wirtschaftskrimi vor allem im Fernsehen verbreitet, wo er unter anderem als Spezifikum des sozialkritisch engagierten deutschen Kriminalfilms gesehen worden ist. Als Klassiker des Genres gilt dabei die Kriminalserie Schwarz – Rot – Gold (1982-95). Im Kino ist das Motiv der Wirtschaftskriminalität nicht auf den Kriminalfilm beschränkt, sondern in vielen Genres etabliert. So findet es sich unter anderem im Drama – etwa in All my Sons (1948) – oder im Science-Fiction-Film. Erst seit den 1980ern tauchen Wirtschaftskrimis und -thriller regelmäßig im US-amerikanischen und sporadisch auch im europäischen Kino auf (z.B. Mille milliards de dollars, 1982). Populäre Hollywood-Produktionen setzen sich unter anderem mit den Vergehen der Atomindustrie (Silkwood, 1983), der Zigarettenindustrie (The Insider, 1999) und – in der Variante des Bankenkrimis – mit der Finanzwirtschaft (Margin Call, 2011) auseinander. Der investigative Gestus des Filme markiert die Verwandtschaft des Genres zum Polit- und Paranoiathriller, zumal die Wirtschaftsverbrechen in den Filmen nicht selten Ausmaße einer die gesamte Gesellschaft unterwandernden Verschwörung annehmen (Michael Clayton, 2007; The International, 2009). Die globalen Effekte der ökonomischen Prozesse bleiben dabei jedoch auch für die kriminellen Akteure selbst häufig unberechenbar (Syriana, 2005). Die Undurchschaubarkeit ökonomischer Zusammenhänge, die in den Filmen immer wieder akzentuiert wird, hat vereinzelt auch Stoff für komödiantische oder parodistische Varianten des Genres geliefert (Hudsucker Proxy, 1994; The Informant!, 2009).

Literatur: Bauer, Ludwig: Authentizität, Mimesis, Fiktion. Fernsehunterhaltung und Integration von Realität am Beispiel des Kriminalsujets. München: Diskurs Film 1992. – Leitch, Thomas M.: Crime Films. Genres in American Cinema, Cambridge/New York: Cambridge University Press 2002.



Artikel zuletzt geändert am 12.11.2012


Verfasser: JP


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