Lexikon der Filmbegriffe

Kritische Theorie


Die Kritische Theorie wurde entscheidend definiert in den 1930er und 1940er Jahren durch das interdisziplinäre Frankfurter Institut für Sozialforschung unter der Leitung des Philosophen Max Horkheimer. Die Arbeit des Instituts und seiner Mitarbeitenden („Frankfurter Schule“, neben Horkheimer vor allem Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Leo Löwenthal, Erich Fromm, Walter Benjamin) durchlief einen starken Wandel durch die Emigration in die USA in der Nazizeit  und die spätere Neugründung nach dem Weltkrieg. Beeinflusst von Ansätzen aus Sozialpsychologie, Ästhetik, Marxismus, Psychoanalyse, Ideologiekritik und Soziologie entwickelten die Forschenden zwar durchaus unterschiedliche Überlegungen, die gleichzeitig aber einer Art Programm oder Theorie der Kritik der Gesellschaft verhaftet waren. Dabei bedeutet – freilich in verschiedenen Abstufungen und aus divergierenden Perspektiven – die negative Kritik der gegebenen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse ein Offenlegen vorhandener Machtmechanismen und einen ständigen Verdacht der Manipulation des Einzelnen und auch der Massen durch diese und die hinter ihnen agierenden Herrschenden. Diesen hierarchischen Ordnungen kann nur der aufgeklärte und also gebildete Mensch begegnen. In vielen Veröffentlichungen der Kritischen Theorie einschließlich ihres Hauptwerks Dialektik der Aufklärung (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, 1944) schwingt sowohl die schreckliche Erfahrung des Nationalsozialismus und die Unmöglichkeit einer anschließenden Utopie als auch der Schock der Erfahrung der amerikanischen Massenkultur in den USA mit. Kritische Theorie versteht sich geradezu als Haltung, die sich vor allem in ihren ersten Jahrzehnten der komplexen Avantgarde- und Hoch-Kunst verpflichtet sah und erst nach und nach massenkulturellen Phänomenen wie dem Hollywood-Film öffnete: Seit den 1980er Jahren schließen diverse kritische Theoretiker nunmehr auch massen-, medien- und popkulturelle Phänomene für kritische Analysen auf und gehen mit diesen wesentlich offener um, ohne sie in ihrer Wirkmächtigkeit zu unterschätzen (für den Bereich der Kritischen Theorie Frankfurter Prägung etwa Jürgen Habermas, Axel Honneth, Axel Demirovic, für Medien- und Massenkulturforschung Gerhard Schweppenhäuser, Dieter Prokop, für die Cultural Studies Douglas Kellner, für Popkulturforschung Michael Kausch, Roger Behrens). Dabei werden auch immer wieder die Zusammenhänge von Gesellschaft, Film und Musik beleuchtet. Adorno selbst komponierte mit Hanns Eisler diverse Film-Musiken, die er als gleichberechtigte Mitwirkung an der Filmproduktion sah.

Literatur: Behrens, Roger: Adorno ABC. Leipzig: Reclam 2003. – Kausch, Michael: Kulturindustrie und Populärkultur. Kritische Theorie der Massenmedien. Frankfurt: Fischer 1988. – Kellner, Douglas: Kulturindustrie und Massenkommunikation. Die Kritische Theorie und ihre Folgen. In: Bonß, Wolfgang; Honneth, Axel (Hrsg.): Sozialforschung als Kritik. Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie. Frankfurt: Suhrkamp 1982, 482-515. – Winter, Rainer / Zima, Peter V. (Hrsg.): Kritische Theorie heute. Bielefeld: Transcript 2007.



Artikel zuletzt geändert am 12.11.2012


Verfasser: CJ


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