Lexikon der Filmbegriffe

Rockrolle

Die Inversion der Hosenrolle wird meist als Rockrolle bezeichnet – Männer, die in Frauenkleidern auftreten, sei es, dass sie sich verstecken müssen wie in Some Like It Hot (USA 1959, Billy Wilder), sei es, dass sie es im Rahmen ihrer sexuellen Orientierung tun oder dass sie einen Auftritt vor einem Publikum absolvieren, das die Verkleidung mit Lachen zur Kenntnis nimmt. Fast immer handelt es sich um komische Geschichten oder Episoden. Bereits in der Filmkomödie der Weimarer Republik erfreute sich die Rockrolle großer Beliebtheit; erinnert sei an Ernst Lubitschs Ich möchte kein Mann sein (1918),  Reinhold Schünzels Maskerade als mondäne Nachtclub‑Besucherin in Der Himmel auf Erden (1927), an die Bühnenmaskerade von Fritz Schulz, der in Drei Tage Mittelarrest (1930) als Soldat eine Soldatenbraut gibt, oder an Max Hansens Auftritt als Sängerin in Die - oder keine (1932). Ähnlich beliebt war die Rolle in zahlreichen amerikanischen Komödien nicht erst seit Beginn der Stummfilmzeit – Wallace Beerey etwa hatte zwischen 1914 und 1916 mehr als dreißig Filme als schwedisches Mädchen (Rollenname: „Sweedie“) gespielt. Erinnert sei an Fred MacMurrays Rolle als verkleidete Großmutter in Sing, You Sinners (USA 1938, Wesley Ruggles), an die überdrehte Parodie, die drei Soldaten als Andrew Sisters darbieten (in Winged Victory, USA 1944, George Cukor) oder an Robin Williams‘ Rolle als Haushälterin in Mrs. Doubtfire (USA 1993, Chris Columbus). Die Tradition der Rockrolle entstammt dem Theater, von den Klassikern William Shakespeares bis zu beliebten Stücken des Boulevardtheaters wie Brandon Thomas‘ Farce Charley’s Tante (UA: 1892, seit 1911 mehrfach verfilmt). Ob die Rockrolle emanzipativ zu lesen sei (als travestierendes Spiel mit der männlichen und der weiblichen Rolle) oder ob sie sich über das „falsche Geschlecht“ nur lustig macht, ist strittig.

Literatur: Arnold‑de Simine, Silke / Mielke, Christine: Charleys Tanten und Astas Enkel: 100 Jahre Crossdressing in der deutschen Filmkomödie. Trier: WVT 2012. – Dickens, Homer: What a drag. Men as women and women as men in the movies. New York: Quill 1984. – Howard, Jean E.: Crossdressing, The Theatre, and Gender Struggle in Early Modern England. In: Shakespeare Quarterly 39,4, Winter 1988, S. 418‑440. – Ekins, Richard: Male femaling. A grounded theory approach to cross‑dressing and sex‑changing. London/New York: Routledge 1997.
 

Referenzen:

cross dressing

Hosenrolle

Tanten-Filme


Artikel zuletzt geändert am 23.12.2012


Verfasser: JvH


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