Lexikon der Filmbegriffe

hors-son


dt. etwa: Umfeld des Tons

Mit dem Begriff hors-son beschreibt Silke Martin einen neuen akustischen Raum im Film, der mit der Dolby-Stereo-Technik Ende der 1970er aufkam und der sich in Abgrenzung zu Michel Chions superchamp lesen lässt. Das hors-son fasst das Hervortreten der Tonspur im Film theoretisch. Dabei definiert es sich – als akustisches Pendant zum hors-champ – weniger im Sinne einer akustischen Feldbegrenzung als vielmehr als Äußerlichkeit oder Umfeld des Tons, auf das sich auch das Bild bezieht. Ebenso wie sich nichtsichtbare Bilder im hors-champ, im Umfeld des Bildes – oder besser: im Außerhalb des Bildrahmens – befinden, die durch die Kamerabewegung jederzeit in die visuelle Kadrierung des Films gerückt werden können, können sich auch nichtsichtbare Bilder im hors-son befinden, die, vom Ton hervorgebracht, auf der Leinwand sichtbar werden. Das hors-son ist somit im Kontext eines generativen Prinzips als „Äußerlichkeit des Akustischen“ zu sehen. Ähnlich, wie Gilles Deleuze es für das hors-champ vorgeschlagen hat, lässt sich eine Differenzierung in einen absoluten und einen relativen Aspekt vornehmen. Das „relative“ hors-son kann dabei als derjenige Bereich bezeichnet werden, der als unmittelbares akustisches Umfeld Bilder von Quellen des Tons enthält, die jederzeit sichtbar werden können. Der „absolute“ Bereich des hors-son hingegen scheint eher ein Ort zu sein, in dem sich Bilder aufhalten, die zwar hörbar sind, die aber dennoch nicht in den Bereich des Sichtbaren vordringen können; Bilder, die sich auf akustischer Ebene andeuten – sei es als Geräusch, Sprache oder Musik –, die aber nicht aktualisierbar sind; virtuelle Bilder, die bloße Potenziale, Möglichkeiten darstellen; Bilder außerhalb des diegetischen Raums, Bilder außerhalb von Raum und Zeit, kurz: Bilder eines eigenständigen akustischen Raums.

Literatur: Chion, Michel: Audio-vision: Sound on screen. New York: Columbia University Press 1994. – Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1. Frankfurt: Suhrkamp 1997. - Martin, Silke: Die Sichtbarkeit des Tons im Film. Akustische Modernisierungen des Films seit den 1920er Jahren. Marburg: Schüren 2010. – Martin, Silke: Das hors-son oder die Entstehung des akustischen Raums im Film. In: Rabbit Eye: Zeitschrift für Filmforschung, 2, 2010, URL: http://www.rabbiteye.de/2010/2/ martin_akustischer_raum.pdf.



Artikel zuletzt geändert am 04.02.2013


Verfasser: SMA


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