Lexikon der Filmbegriffe

Walzer im Film


Seit den Anfängen des Tonfilms erklingen unzählige Filmwalzer – sowohl dem Repertoire seit Lanner und Strauß (Vater und Sohn) entnommen als auch speziell komponiert – in diegetischer und non-diegetischer Funktion. Sie fungieren als Titelmelodien in den „Wien“- Filmen bis zu Maximilian Schells bitterböser Horváth-Verfilmung Geschichten aus dem Wiener Wald (Österreich 1978) sowie als Orchester- und Gesangseinlagen in den Operetten- und Revuefilmen, in den Biopics über die Strauß-Dynastie und deren Rivalen (Walzerkrieg, Deutschland 1933) und als Tanzmusik auf gezeigten Festivitäten der verschiedensten Art und in allen erdenklichen Besetzungen vom Akkordeonsolo über das Rummelplatz-Orchestrion bis zum großen Orchester. Geschätzt wurden am Walzer Schwung und Eleganz, der Ausdruck von Lebensfreude, aber auch die Traurigkeit, Melancholie und Resignation eines Valse lente oder Valse triste, aber auch seine Neigung zum auftrumpfend Rauschhaften; von den Nazis demagogisch genutzt als Aufputschmittel gesungener Durchhalte-Parolen à la Davon geht die Welt nicht unter (aus Die große Liebe, Deutschland 1942, Rolf Hansen, Musik: Michael Jary).
Neukomponierte Filmwalzer wurden meist gesungen. Hauptvertreter dieser im deutschen Unterhaltungsfilm der 1930er und 1940er Jahre besonders zahlreich eingesetzten Walzerlieder waren vor 1933 Friedrich Hollaender, Franz Grothe, Michael Jary, Peter Kreuder, Werner Richard Heymann und Robert Stolz, von denen viele zu populären Schlagern wurden. Auch in Hollywood entstanden zahlreiche Walzer (u.a. von Charles Chaplin, Erich Wolfgang Korngold, Franz Waxman oder neuerdings von John Williams). Sie dienten als lokalkoloristische Kennzeichnung der Handlungsorte oder fanden leitmotivische Verwendung. Stilistisch deckt die Gesamtheit der Filmwalzer das Spektrum dessen ab, was es an historischen Schreibweisen und Formen in der Walzerkomposition gibt, vom derben Ländler bis zum schmachtenden, chromatisch harmonisierten English Waltz in La dolce Vita ( Musik: Nino Rota, Italien 1960). Eine Verengung auf den Tanz- und Operettenwalzer wäre unzulässig, da auch die Tradition des sinfonischen Konzertwalzers (z.B. im russischen Film) im Film fortgeführt wurde. Allerdings scheint der Walzer seit den 1960er Jahren den Zenit seines Einsatzes im Film überschritten zu haben.
Nur selten wurden Walzerlieder zum integralen Bestandteil der filmischen Fabelerzählung, übernahmen sogar fabelführende Aufgaben. Erinnert sei insbesondere an den strukturell so wichtigen Einsatz des Strauß‘schen „Donau“-Walzers und dessen assoziative Implikationen in 2001 - A Space Odyssee (2001 - Odyssee im Weltraum, Großbritannien 1968, Stanley Kubrick).

Literatur: Thiel, Wolfgang: Filmmusik in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Henschelverlag 1981, S. 244 ff.



Artikel zuletzt geändert am 04.02.2013


Verfasser: WT


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