Lexikon der Filmbegriffe

Narrenfigur


engl.: fool, jester

Allgemein verkörpert die Narrenfigur Dummheit, moralische Verwerfungen und ein Verhalten, das den Normen der Gesellschaft widerspricht; ihr Verhalten erscheint einfältig, tollpatschig, unweise, dumm oder verdreht. Unter dem Deckmantel der Narrenfreiheit geißelt der Narr allerdings auf spitze, lustige und unterhaltsame Art und Weise die Ungerechtigkeiten und Torheiten anderer und spricht (ungeliebte) Wahrheiten aus.

(1) Beim Narren handelt es sich fast ausschließlich um eine männliche Figur, die sich, aus der Idee des Karnevals heraus, zu einer zentralen Figur entwickelt hat. Das herrschende Ordnungs- und Normsystem des (christlichen) Glaubens wird durch Unterhaltung bis gar Verspottung bewusst gestört, zugleich aber bringt die Narrenfigur aber auch Lebensfreude zum Ausdruck, die allerdings in einer jenseitsorientierten Welt als Schwäche oder gar Sünde aufgefasst wurde.
(2) Der Narr ist eine historische Figur, die vor allem an den europäischen Höfen zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert zum obligatorischen Hofpersonal gehörte. Sie fungierte sowohl als Kontrastfigur zum Herrscher als auch als Unterhalter des Hofstaates.
(3) Im Wesentlichen unterscheidet sich der höfische Narr in seiner äußeren Erscheinung, seiner Kleidung und seinem Gebaren von der übrigen Gesellschaft, so dass er ganz bewusst schnell zu erkennen ist. Sein farbenfrohes Kostüm besteht meist aus einem kurzen Kleid, das oft zusammen mit der Strumpfhose vertikal in zwei Farben unterteilt wird (Mi-Parti). Des Weiteren trägt er eine eng anliegende Kappe mit langen Eselsohren als Ausdruck für die Einfältigkeit, Geilheit und Lasterhaftigkeit. Andere Varianten der Kopfbedeckung sind die Gugel oder die Narrenkappe mit Hahnenkamm und/oder Eselsohren. Zusätzliche Attribute sind Schellen und Glöckchen, die an Rock, Kappe und seinen Schnabelschuhen angebracht sind, so dass sein Auftritt auch akustisch wahrgenommen wird und zugleich seine Geschwätzigkeit unterstreicht. In der Hand hält er, als Antithese zum Zepter des Königs, einen Stock mit Narrenspiegel, Marotte oder eine Keule.
(4) Die auffällige Erscheinung des Narren kann durch körperliche Besonderheiten, Deformationen, Kleinwüchsigkeit (zusätzlich) markiert sein. Geistigbehinderte, einfältige, beschränkte oder dumme Menschen wirken wegen ihres unangepasstem/unpassendem Verhaltens sehr schnell lächerlich, zugleich aber auch völlig unbefangen und ermöglichen eine neue Sicht auf die Dinge.
(5) Im Theater tritt die Narrenfigur als zwischen Publikum und Schauspiel vermittelnde, spottende und allgegenwärtig-improvisierende Person auf.

Das Narrentum präsentiert sich in verschiedenen Erscheinungsformen (wie beispielsweise: Hofnarr, Hofzwerg, Harlekin, Clown, Joker, Schelm, Eulenspiegel, Kasper, Picaro, Schalk, Sonderling oder sogar allgemein als Außenseiter). Diese Figuren werden häufig als Inkarnationen des Narren ausgegeben, was aber nicht immer zutreffend ist.

Beispiele: Der Hofnarr (USA 1955, Melvin Frank/Norman Panama); Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (DDR 1973, Václav Vorlíek); Narren (Deutschland 2003, Tom Schreiber).

Literatur: Könneker, Barbara: Wesen und Wandlung der Narrenidee im Zeitalter des Humanismus. Wiesbaden: Steiner 1966. – Mezger, Werner: Narren, Schellen, Marotten: Elf Beiträge zur Narrenidee. Remscheid: Kierdorf 1984. – Poley, Stefanie (Hrsg.): Unter der Maske des Narren. Stuttgart: Hatje 1981.


Referenzen:

Behinderung

Buffonerie

Groteske

Posse


Artikel zuletzt geändert am 11.02.2013


Verfasser: ADR


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