Lexikon der Filmbegriffe

verlorene Filme

engl.: lost films

Als verlorene Filme werden Filme bezeichnet, die als verschollen gelten und von denen nur noch Bilder, Plakate, Programmhefte oder andere Quellen eine Vorstellung davon geben können, worum es sich dabei gehandelt hat. Für die Stummfilmzeit gelten zwischen 80% und 90% der Filme als verschollen. Von fast 700 im Jahr 1913 in Deutschland produzierten Kinofilmen finden nur 60 in den Archiven. Selbst die Produktion von 1925 ist wohl nur zu einem Fünftel erhalten. Für die Zeit von 1929  bis 1945 wurden mehr als 300 Filme ermittelt, die nicht mehr als Kopie vorliegen. Viele bedeutende Stumm‑ und Tonfilme existieren nur in einer einzigen Zelluloid-Kopie in Museen, Archiven und Privatsammlungen, wurden also bislang nicht durch neue Kopien (auf Sicherheitsfilm) gesichert und bleiben durch die chemischen Zersetzungsprozesse mit Totalverlust gefährdet. Von vielen Filmen existieren die Originalnegative nicht mehr; die noch existierenden Kopien sind oft Verleihkopien und unterscheiden sich zum Teil erheblich im Material, dem Schnitt, der Länge, der Qualität etc. von den integralen Ursprungsfassungen. Manchmal wurden ganze Filmbibliotheken vernichtet (ein Brand in einem Lagerraum von Fox Pictures zerstörte etwa 1937 alle Negativkopien der Foxfilme vor 1935; zudem wurden Filme oft bewusst zerstört, um in einem Recyling-Prozess die Silbernitratanteile zurückgewinnen zu können).
Da Filme zum kulturellen Erbe gehören, ist die Frage der Langzeitsicherung von großer Dringlichkeit. Die Umkopierung von Filmen auf Nitrozellulosebasis auf das 1940 von Kodak vorgestellte schwer entflammbare Acetatmaterial (Sicherheitsfilm) kann nur eine Zwischenlösung darstellen, da auch dieses Material chemisch zersetzt wird. Allerdings verlängert sich damit der Zeitraum der Sicherung erheblich (darum auch gilt bis heute die Archiv-Devise: Nitrate won’t wait). Ob die Digitalisierung längerfristige Perspektiven der Filmsicherung bereitstellen wird, ist noch kaum absehbar.

Literatur: Cherchi Usai, Paolo: The death of cinema. History, cultural memory and the digital dark age. Houndmills, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2008. Zuerst London: BFI 2001. – Drubek-Meyer, Natascha / Izvolov, Nikolai: Textkritische Editionen von Filmen auf DVD. Ein Diskussionsbeitrag. In: Montage/AV 16,1, 2007, S. 183-199. – Waldman, Harry: Missing reels. Lost films of American and European cinema. Jefferson, NC: McFarland 2000.


Artikel zuletzt geändert am 11.02.2013


Verfasser: JH


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