Lexikon der Filmbegriffe

prosthetic memory

dt. etwa: Hilfsgedächtnis, künstliches Gedächtnis

Das Konzept des prosthetic memory wurde von Alison Landsberg vorgeschlagen, um einen Kernbeitrag des Kinos zu Modellen eines postmodernen Bewußtseins und vor allem des „Posthumanen“ terminologisch zu erfassen: Gemeint sind Gedächtnisinhalte, die nicht auf persönlicher Erfahrung basieren, sondern mit technischen Mitteln dem Bewusstsein von Figuren übertragen werden. Gemeint sind damit in engerem Sinne „Bewusstseinstrips“ wie in Kathryn Bigelows SF-Film Strange Days (USA 1995), in dem Videoaufnahmen unmittelbar in das Bewusstsein von Nutzern dieser Aufzeichnungen eingegeben werden können. Ein älteres Beispiel ist Blade Runner (USA 1982, Ridley Scott), in dem cyborgianische Replikanten auf Gedächtnisinhalte zugreifen können, die sie nicht selbst erworben haben. In einem weiteren Sinne sind damit aber auch Photo- und Filmaufzeichnungen gemeint, die als allgemeines Wissen in das individuelle autobiographische Gedächtnis (und damit in individuelle Identitätskonstruktionen) eingehen und von Selbsterlebtem kaum noch zu unterscheiden sind; ein oft genanntes Beispiel sind die Aufnahmen der Geschehnisse am 11.9.2001, die zu deren Verankerung nicht nur in kollektiven Erinnerungen, sondern auch in individuellen Lebenslauferinnerungen werden, ohne dass die Erinnernden selbst beteiligt gewesen wären – insofern verfügt die spätmoderne Identitätsarbeit auch über Elemente, die nur medial vermittelt sind.

Literatur: Landsberg, Alison: Prosthetic Memory: Total Recall and Blade Runner. In: Body Society 1,3-4,  Nov. 1995, S. 175-189. – Lury, Celia: Prosthetic Culture: Photography, Memory and Identity. London/New York: Routledge 1998. – Wilson, Robert Rawdon: Cyber(body)parts: Prosthetic Consciousness. In: Cyberspace/cyberbodies/cyberpunk. Cultures of technological embodiment. Ed. by Mike Featherstone. London [...]: Sage 1995, S. 239-260.


Artikel zuletzt geändert am 11.02.2013


Verfasser: JvH


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