Lexikon der Filmbegriffe

Imagologie

Die Imagologie (neuerdings manchmal auch: interkulturelle Hermeneutik) gehört zur Komparatistik, da die Erforschung der oft stereotypen Bilder (Urteile und Vorurteile), die in einer Kultur von den nationalen Charakteristiken, den Lebensweisen und sozialen Ordnungen anderer Ländern oder Kulturen vorherrschen, nicht nur Kenntnisse jener fremden Kulturen, Sprachen und Mentalitäten voraussetzt, sondern auch ihre Kontextualisierung in die historischen Gegebenheiten der eigenen Kultur bedingt: Das Italien der Bildungsreisen ist ein anderer Name für eine Einheit des kulturellen Wissens als das Italien der Urlaubsreise, der Mafia, der Armut oder der jeunesse dorée der frühen 1960er. Jedes Bild des kulturell Fremden ist durch eine Vielzahl von Faktoren geprägt, ist ebenso vage wie klischiert. Weil sich in den Imagologien fremder Kulturen immer auch Wertstellungen der eigenen Gesellschaft spiegeln, weil die fremde Kultur zum Träger auch affektiver Sehnsuchts- oder Angstphantasien ist, ist ihre Intersuchung auch Selbstanalyse. Weil im Gesamt des Wissenszusammenhangs einer Kultur die Wesensbestimmungen anderer Kulturen systematisch mit den Bestimmungen der eigenen zusammenhängen, bilden die Konstrukte je eigener und fremder (aliener) oder auch anderer (alteritärer) Identität einen nicht auflösbaren Zusammenhang. So bedeutsam die Imagologie als Alteritätsforschung in Komparatistik und Ethnologie auch ist, ist eine imagologische Untersuchung des Films bislang nur wenig ausentwickelt.

Literatur: Bleicher, Thomas: Elemente einer komparatistischen Imagologie. In: Komparatistische Hefte, 2, 1980, S. 12‑24. – Fischer, Manfred S.: Komparatistische Imagologie. Für eine interdisziplinäre Erforschung national‑imagotyper Systeme. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie 10, 1979, S. 30‑44. – Magill, Daniela: Literarische Reisen in die exotische Fremde: Topoi der Darstellung von Eigen‑ und Fremdkultur. Frankfurt [...]: Lang 1989. – Turk, Horst: Alienität und Alterität als Schlüsselbegriffe einer Kultursemantik. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 22,1, 1990, S. 8‑31. – Waldenfels, Bernhard: Topographie des Fremden: Studien zur Phänomenologie des Fremden. 1. Frankfurt: Suhrkamp 1997.


Artikel zuletzt geändert am 18.02.2013


Verfasser: JvH


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