Lexikon der Filmbegriffe

Freeze Frame / Freeze

im Dt. manchmal als „eingefrorenes Bild“

Wenn im Film eine Bewegungsaufnahme bruchlos in ein längere Zeit stehendes Photo übergeht, spricht man von freeze frame (oder nur freeze) – als würde der Film während der Projektion angehalten. Technisch werden Freeze-Aufnahmen durch Standkopierungen hergestellt. Der Übergang zum eingefrorenen Bild ist immer wahrnehmungsauffällig, steht allerdings in ganz verschiedenen signifikativen und dramaturgischen Kontexten: (1) Emphase I – Erhöhung und Unterstreichung des Augenblicks (etwa am Ende von Butch Cassidy and the Sundance Kid, USA 1969, George Roy Hill, wenn die beiden Protagonisten in ihrem letzten und tödlichen Angriff auf die Polizei im Sprung zum Photo werden); (2) Subjektivisierung I – Kennzeichnung eines subjektiven Blicks und Unterstreichung der subjektiven Bedeutung (wenn etwa ein heimlicher Blick auf einen begehrten Anderen als Freeze aus dem Kontext herausgehoben ist, wenn eine Wiederbegegnung nach langer Zeit durch Freeze-Bilder emotional aufgeladen oder das Wiedererkennen einer Person durch Freeze-Bilder in eine Art „Festhalten des Blicks“ transformiert wird); (3) Subjektivisierung II – Kennzeichnung der Transformation des Geschehens in das Photographieren einer bis dahin oft nicht sichtbaren Figur, oft verbunden mit dem Geräusch des Verschlusses eines Photoapparats (in zahllosen Szenen, in denen ein heimlicher Beobachter ein Geschehen mit der Photokamera dokumentiert); (4) Emphase II – wenn das Jetzt der Erzählung aufgegeben wird, eine zweite, spätere Zeit hinzutritt und die Bilder zu Dokumenten einer Erinnerung an das bis dahin als gegenwärtig Gesehene werden; (5) Reflexivität: Das Medium macht auf sich selbst aufmerksam (wenn etwa Bilder eines Aufstandes schleichend in Pressephotos übergehen, so dass sich der Realitätsstatus der Erzählung verändert – wie etwa in La battaglia di Algeri, Italien/Algerien 1966, Gillo Pontecorvo, oder in Ningen no jôken / Barfuss durch die Hölle, Japan 1959-61, Masaki Kobayashi).

Literatur: Bellour, Raymond. The film stilled. In: Camera Obscura, 24, Sept. 1990, S. 98‑123. – Gerling, Winfried: Die eingefrorene Zeit oder das bewegte, stillgestellte Filmbild. In: Stefanie Diekmann / Winfried Gerling (Hrsg.): Freeze Frames. Zum Verhältnis von Fotografie und Film. Bielefeld: Transcript 2010, S. 146-171. – Sutcliffe, Thomas: Watching. London: Faber & Faber 2000, S. 137-170.

Referenzen:

Kinestasis

Standbild

Standvergrößerung

Stehkader


Artikel zuletzt geändert am 22.05.2013


Verfasser: HJW


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