Lexikon der Filmbegriffe

vidding

Als vidding wird eine kreative Fanpraxis bezeichnet, bestehendem Filmmaterial eines Kinofilms oder einer Fernsehserie durch Neumontage und/oder Neusynchronisation einen anderen Kontext und Sinn einzuschreiben. Mithilfe des bestehenden Materials oder durch die geschickte Kombination von Szenen verschiedener Serien und Filme erzählen diese so genannten vids entweder ganz neue Geschichten oder offerieren eine bestimmte – häufig abseitige, oft subversive – Auslegung der Vorlage. Die Evolution dieser Form von Fan-Videokunst ist geprägt von den technischen Entwicklungen seit den 1960ern: Vidding nimmt seinen Anfang mit Standbildprojektionen zu parallel abgespielter Musik aus dem Kassettenrekorder, erhält in den 1980ern durch die Videokassette neue künstlerische Möglichkeiten und wird schließlich im digitalen Zeitalter mit Plattformen wie YouTube und der standardmäßigen Installation von simpler Schnittsoftware zum Massenphänomen mit großer Reichweite und Verfügbarkeit.
Sowohl bei der Herstellung von Neumontagen als auch bei Neusynchronisationen wird in der Regel auf den Einsatz der ursprünglichen Tonspur verzichtet. Stattdessen wird ein Musikstück unterlegt (Songvid) beziehungsweise eine neue Tonspur mit von den viddern eigens eingesprochenen Dialogen (fandub) eingefügt, die häufig parodistischen Charakters sind. Bekannte Beispiele aus Deutschland sind Sinnlos im Weltraum (Fandub von Star Trek: The Next Generation, 1987-1994), Lord of the Weed (Fandub der ersten halben Stunde von Peter Jacksons The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring, 2001) und Harry Potter und der geheime Pornokeller (Fandub von Harry Potter and the Chamber of Secrets, 2002), die durch das Internet virale Verbreitung erfuhren. Zu den bekanntesten Songvids zählt Closer von T. Jonesy und Killa: Szenen zwischen Kirk und Spock aus Star Trek (1966-1969) werden in Closer mit pornografischem Filmmaterial unterfüttert und neu kombiniert, um eine homoerotische Anziehungskraft zwischen den beiden Figuren (slash) plausibel darstellen zu können. Durch die musikalische Unterlegung dieses dramaturgisch, technisch und ästhetisch herausragenden Songvids mit dem gleichnamigen Nine-Inch-Nails-Song und einer mittels Computereffekten erreichten visuellen Nähe zum ursprünglichen Skandal-Musikvideo von Closer (1994) werden darüber hinaus Assoziationen zu sadomasochistischen Praktiken geweckt.

Literatur: Coppa, Francesca: Women, Star Trek, and the Early Development of Fannish Vidding. In: Journal for Transformative Works and Cultures 1, 2008, URLhttp://journal.transformativeworks.org/index.php/twc/article/view/44. – Jenkins, Henry: Textual Poachers: Television Fans and Participatory Culture. London/New York: Routledge 1992, S. 223-249. – Jenkins, Henry: How to Watch a Fanvid (18.9.2006); URL: http://henryjenkins.org/2006/09/how_to_watch_a_fanvid.html.


Artikel zuletzt geändert am 22.05.2013


Verfasser: VCL


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