Lexikon der Filmbegriffe

Schock

(1) In der symbolistischen Dichtung Baudelaires, der wohl als erster den Chock in die Poetologie einführte, war der „Chock“ eine Art Norm des kunstvermittelten Erlebens – die Figuren fanden sich in meist urbanen, sie mit heterogensten Reizen überflutenden Situationen, denen sie schutzlos ausgeliefert waren. Jede Erfahrung musste sich so schockartig einstellen. Walter Benjamin übernahm das Baudelairesche Konzept (als Choc) in seine Phänomenologie des Flaneurs resp. der Aneignung urbaner Erfahrungswelten, historisierte es in den Horizonten der Kunst vor allem der Avantgardekunst seiner Zeit. Gerade in der Prosa und Dramatik des Expressionismus genoss der „Schock“ in diesem Sinne Aufmerksamkeit, galt es doch, den Rezipienten aus der Sicherheit seiner Interpretationen und der Illusionshaftigkeit der Fiktion herauszubrechen, ihn vor Realia, Unerwartetes und nur schwer Verarbeitbares zu stellen.

(2) Heute wird der Schock als ästhetisch-epistemologische Kategorie meist auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds zurückgeführt. Danach beschreibt „Schock“ ein Erlebnis, welches den Reizschutz des Individuums durchbricht und das der bewussten Rationalität entzogen ist. Der Kunst kommt so eine verdeckte Funktion als Therapeutikum zu. Wenn man den Schock als Form der Transgression – einer zeitweiligen Überschreitung der Regeln von Anstand, Geschmack und Ziemlichkeit – ansieht, der nicht nur im Komischen, sondern in allen Bereichen des Affektiven seinen Ausdruck finden kann, dann ließe sich mit Georges Bataille weiter formulieren: Im Akt der Überschreitung soll ein Prozess der Bewusstwerdung bzw. der Transzendenz erreicht werden. Die Bilder eines Films sind in dieser Auffassung Manifestationen von affektiv möglicherweise hoch besetzten Traumbildern, so dass der Zuschauer im Sehen eines Films assoziativ mit seinem eigenen Unbewussten verbunden ist – der Film wird dann zum Spiegel seines Unbewussten, allerdings in Konfrontation mit objektiv gewordenen Bildern.

Literatur zur Historisierung der Kategorie: Winkle, Ralph: Der Schock und die Ästhetik des Erhabenen. Darstellungsformen des Weltkrieges in Filmen der zwanziger und dreißiger Jahre. In: Krieg und Militär im Film des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Bernhard Chiari [...]. München: Oldenbourg 2003, S. 319-339. – Armstrong, Tim: Two Types of Shock in Modernity. In: Critical Quarterly 42,1, April 2000, S. 60-73. – Kapur, Jyotsna: Shock and Awe: The Aesthetics of War and Its Confrontations with Reality. In: Jump Cut, 49, Spring 2007, URL: http://www.ejumpcut.org/archive/jc49.2007/kapur‑shockAwe/text.html. – Kaes, Anton: Shell Shock Cinema. Weimar Culture and the Wounds of War. Princeton [...]: Princeton University Press 2009.


Artikel zuletzt geändert am 22.05.2013


Verfasser: HJW


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