Lexikon der Filmbegriffe

Alltagsfilm

engl. oft: everyday films

Seit Ende der 1960er gab es in der DEFA Bestrebungen zur Erneuerung des Kinofilms; die bis dahin im „sozialistischen Gegenwartsfilm“ dominierenden sozialistischen Utopien und die so zentrale Figur des sozialistischen Arbeiterhelden sollten der Darstellung der Lebensrealitäten der gegenwärtigen DDR weichen. Tatsächlich zeichneten Filme wie Herrmann Zschoches Lkwfahrer-Drama Weite Straßen – stille Liebe (1969) oder Lothar Warnekes Krankenhausfilm Dr. med. Sommer II (1970) ein weitgehend ungeschöntes Bild der Lebenswirklichkeiten der DDR, durchaus nicht frei von Kritik, wenngleich den Filmen oft mangelnde dramatische Kraft vorgehalten wurde. Manchmal kontrastierte die Tristesse der Alltagsschilderung mit den Wunschphantasien der Figuren (wie etwa in Heiner Carows Liebesgeschichte Die Legende von Paul und Paula, 1973). Als ein Höhepunkt des Alltagsfilms gilt Warnekes dokumentarischer Spielfilm Die Beunruhigung (1982) über eine junge Frau, die einen Tag lang auf die Diagnose einer Krebsuntersuchung wartet (darin Agnès Vardas Cléo de 5 à 7, Frankreich 1962, verwandt). Noch Matti Geschonnecks Boxhagener Platz (BRD 2010) erinnert an die Darstellungskonventionen des DDR-Films der 1970er.

Literatur: Feinstein, Joshua: The Triumph of the Ordinary: Depictions of Daily Life in the East German Cinema, 1949-1989. Chapel Hill, NC: University of North Carolina 2002. – Harhausen, Ralf: Alltagsfilm in der DDR – die "Nouvelle Vague" der DEFA. Marburg: Tectum 2007. Zuerst Diss., Oldenburg 2006. – Richter, Erika: Alltag und Geschichte in DEFA‑Gegenwartsfilmen der siebziger Jahre. Potsdam: HFF 1976 (Filmwissenschaftliche Beiträge. 1, 1976.).


Artikel zuletzt geändert am 25.07.2013


Verfasser: KB


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