Lexikon der Filmbegriffe

Uchronie

Parallelbildung zu utopia (Kein-Ort), von griech.: chronos (= Zeit); wohl zum ersten Mal im heutigen Sinne als Titelbegriff verwendet von Charles Renouvier (in seinem Roman Uchronie (L'Utopie dans l'histoire), esquisse historique apocryphe du développement de la civilisation européenne tel qu'il n'a pas été, tel qu'il aurait pu être (1876)

auch: Alternativweltgeschichte, Allohistoria, Parahistorie, virtuelle Geschichte, kontrafaktische Geschichte, imaginäre Geschichte, ungeschehene Geschichte, potentielle Geschichte, Eventualgeschichte; engl.: alternate history, alternative history

Meist ausgehend von signifikanten historischen Daten (Schlachten, Kriege, die Wiedervereinigung, politische Entscheidungen, Attentate u.ä.) werden die Ereignisse anders weitererzählt als in der Realität tatsächlich geschehen (die Deutschen gewinnen den Krieg, die BRD tritt der DDR [oder Polen] bei usw.). Immer gibt es einen Punkt, an dem reale in fingierte Geschichte übergeht (Deviationspunkt, oft auch: point of divergence). Uchronien stehen im Modus des Irrealis, weshalb die Affinität vieler derartiger Geschichten zur Satire sich aufdrängt. Voraussetzung für das Verständnis beziehungsweise das Funktionieren der Uchronie ist, dass dem Rezipienten der tatsächliche Geschichtsverlauf sowie das kulturelle Wissen der Zeit, gegen das in der Uchronie systematisch verstoßen wird, umfassend bekannt ist.
Auch im Film hat es eine Fülle von Uchronien gegeben. Bereits 1964 entstand der Film It Happened Here (Großbritannien 1965, Kevin Brownlow, Andrew Mollo), in dem England 1940 von den  Deutschen besetzt wird, die dort ein faschistisches Regime etablieren. Der ABC-Film The Trial of Lee Harvey Oswald (USA 1977, Gordon Davidson, David Greene) entwirft den Prozess gegen den Kennedy-Attentäter, der nicht erschossen wurde. Die Handlung von Fatherland (USA 1994, Christopher Menaul, nach dem Roman von Robert Harris) spielt 1964 im faschistischen deutschen Reich, das sich nach dem Scheitern der Normandie-Invasion über ganz Europa ausgebreitet hat (der Film spielt u.a. in der neuen Hauptstadt „Germania“ nach den Entwürfen Speers). Erwähnt sei auch Der dritte Weltkrieg (BRD 1998, Robert Stone), der im ZDF als fiktionale Dokumentation unter der Leitung von Guido Knopp lief; der Film erzählt von der Entmachtung Michail Gorbatschows durch die Rote Armee, der Niederschlagung von Aufständen in Osteuropa, der Belagerung Berlins und der schließlichen Eskalation zum Weltkrieg; bei der Ausstrahlung wurde eigens darauf hingewiesen, dass es sich um eine Fiktion handele.

Bibliographie literarischer Texte: http://uchronia.net/.

Literatur: Durst, Uwe: Zur Poetik der parahistorischen Literatur. In: Neohelicon 31,2, 2004, S. 201‑220. – Helbig, Jörg: Die Vergangenheit, die keine war. Über parahistorische Literatur. In: Das Science Fiction Jahr (München: Heyne) 4, 1989, S. 391-403. – Rosenfeld, Gavriel David: The World Hitler Never Made. Alternate History and the Memory of Nazism. Cambridge: Cambridge University Press 2005. – Ruppelt, Georg: Nachdem Martin Luther Papst geworden war und die Alliierten den Zweiten Weltkrieg verloren hatten. Literarische Alternativen zur besten der Welten. Hannover: Wehrhahn 2007.

Referenzen:

Elseworld-Geschichten

falsche Geschichte


Artikel zuletzt geändert am 25.07.2013


Verfasser: HHM


Zurück