Lexikon der Filmbegriffe

Polyperspektivik

auch: Polyperspektivismus, Polyfokalisierung, Multiperspektivität, multiperspektivisches Erzählen; „Poly-“ von griech. polýs (= viel); „Perspektive“ entlehnt aus mlat. perspectiva (= durchblickend), spätlat. perspektivus (= durchblickend), lat. perspicere (= mit dem Blick durchdringen, deutlich sehen)

In der Narratologie erfasst Polyperspektivik die erzählerische Vermittlung von dargestellten Ereignissen aus mehreren, meist figurgebundenen Perspektiven im Sinne der Fokalisierung, also der narrativen Perspektive. Obwohl sie als eine Erzählform mit jahrhundertealter Tradition in der Literaturgeschichte auch eine beliebte Spielart audiovisuellen Erzählens darstellt, wird der Begriff (ebenso wie seine Äquivalente) überwiegend in der Literaturwissenschaft verwendet. Um eine Verwechslung mit der filmwissenschaftlichen Bedeutung von Perspektive als „Blickrichtung der Kamera“ zu vermeiden, etabliert sich im filmnarratologischen Diskurs als Alternative zunehmend der Begriff Polyfokalisierung, der auf dem Fokalisierungskonzept Gérard Genettes basiert.
Polyperspektivisches Erzählen führt in der Regel zu einem „dezentrierten“ Erzählverfahren und damit zu „pluralen Figurenkonstellationen“, die keine einzelne Figur in den Mittelpunkt der Erzählung stellen. Eine seiner zentralen Funktionen ist  – neben der Spannungserzeugung und potenziellen Rekontextualisierungen von bereits Erzähltem aufseiten der Rezipienten – die Reflexion über den Wirklichkeitsstatus des Erzählten, thematisiert diese Erzählstrategie doch schon formal die potenzielle Subjektivität von Wahrnehmung. So lassen sich drei Formen von Polyperspektivität differenzieren: als Ergänzung der Sicht auf die fiktionsinterne Realität (wie in 11:14, USA/Kanada 2003, Greg Marcks), als deren Korrektur (etwa in À la folie ¼ pas du tout, Frankreich 2002, Laetitia Colombani) oder als Mittel zu deren Relativierung (einschlägig in Rashômon, Japan 1950, Akira Kurosawa). In den beiden letzteren Fällen liegt dabei zumeist eine Spielart (faktischer) erzählerischer Unzuverlässigkeit vor.


Literatur: Genette, Gérard: Die Erzählung. 3. Aufl. Paderborn: Fink 2010 [frz. Original 1972/1983]. – Nünning, Ansgar und Vera (Hrsg.): Multiperspektivisches Erzählen. Zur Theorie und Geschichte der Perspektivenstruktur im englischen Roman des 18. bis 20. Jahrhunderts. Trier: WVT 2000. – Tröhler, Margrit: Offene Welten ohne Helden. Plurale Figurenkonstellationen im Film. Marburg: Schüren 2007. – Orth, Dominik: „Der Blick auf die Realität. Fokalisierung und narrative Wirklichkeit in Wicker Park, À la folie ¼ pas du tout und Rashômon.“ In: Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung, 1 (2010), S. 60-75, URL: http://www.rabbiteye.de/2010/1/orth_blick_auf_realitaet.pdf.

Referenzen:

Fokalisierung

Kameraperspektive

unzuverlässiges Erzählen


Artikel zuletzt geändert am 25.07.2013


Verfasser: DO


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