Lexikon der Filmbegriffe

counter narrative


dt. manchmal: Gegen-Narrativ, (kritische) Gegenerzählung

Die Rede von der Gegenerzählung verweist immer auf eine andere, dominante Erzählung, der im Gegenerzählen eine andere Interpretation historischen Geschehens, ein anderer Sinnentwurf, ein anderer Wahrheitsanspruch entgegengesetzt wird – dem counter narrative korrespondiert so ein master narrative. Gegenerzählungen stehen in einem klar erkennbaren intentional-kommunikativen Rahmen, sei es, dass es sich um staatlich initiierte Kommunikationen zur Begründung und Durchsetzung politischer Programme geht, um Kampagnen, die zur ideologischen Auseinandersetzung gehören, oder um Öffentlichkeitsarbeit populistischer Gruppierungen. Manchmal wird unterschieden zwischen (1) counter narratives, in denen weltanschauliche Positionen oder politische Programme mittels der Logik der Erzählung, moralischer Implikationen (oder explizit gesetzter Aussagen), des Arrangements von Fakten oder durch komische Verunglimpfung in Zweifel gezogen werden, (2) alternative narratives, in denen es um die Entgegenstellung Erzählungen gegen dominante Umgangsformen mit Rassismus, Gerechtigkeit, Macht usw. geht und die meist explizit auf soziale Werte wie Toleranz, Offenheit, Freiheit und dergleichen verweisen, und (3) government strategic communications, in denen politische Maßnahmen der jeweiligen Regierung (wie z.B. die Durchsetzung von Bürgerrechten oder Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit), die in die Verfasstheit alltäglicher Handlungsrealitäten eingreifen, öffentlich kommuniziert werden. Es dürfte deutlich sein, dass Gegenerzählungen auf Prozesse der Aushandlung diskursiver, politischer und ethischer Positionen ausgerichtet und damit kommunikativer Ausdruck gesellschaftlicher Sinnkonflikte oder -gegensätze sind, klar auf die implizierte Moral und die darin involvierten Werte orientiert (so dass eher vom „Gegenerzählen“ als von der Gegenerzählung gesprochen werden sollte).

Literatur: Bamberg, Michael G.W. / Andrews, Molly (eds.): Considering Counter‑Narratives. Narrating, Resisting, Making Sense. Amsterdam [...]: Benjamins 2004. – Laass, Eva: Broken Taboos, Subjective Truths. Forms and Functions of Unreliable Narration in Contemporary American Cinema. A Contribution to Film Narratology. Trier: WVT 2008. – Shohat, Ella: Master Narrative/Counter Readings. The Politics of Israeli Cinema. In: Resisting Images. Essays on Cinema and History. Ed. by Robert Sklar. Philadelphia: Temple University Press 1990, S. 251-278.



Artikel zuletzt geändert am 08.09.2013


Verfasser: HHM


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