Lexikon der Filmbegriffe

Fiktionsvertrag

manchmal auch: Fiktionalitätsvertrag

Eine fundamentale Grundannahme einer rezeptionsästhetischen Theorie des Fiktionalen ist der Fiktionsvertrag zwischen Text (resp. der texthervorgringenden Instanz) und Rezipient, der besagt, dass letzterer bereit ist, die „willentliche Aussetzung des Nichtglaubens“ (willing suspension of disbelief) als Modalität der Rezeption zu akzeptieren, so dass er um die Fiktionalität des Erzählten weiß, ohne anzunehmen, dass der Text ihn belüge, und gleichzeitig während des Rezeptionsvorgangs der Darstellung des Textes uneingeschränkt Glauben zu schenken; die Wahrheitswerte werden fiktionsintern definiert, nicht durch Referenz. Die diegetische Realität wird so als mögliche Welt konstruiert, ohne mit der Alltagswelt referentialisiert zu werden. Sicherlich können beide einander angenähert werden, der Vertrag wird durch Genrewissen gesteuert, ist zudem durch „Gradualität“ gekennzeichnet (weshalb auch alle Arten der Dokufiktion – Dramatisierungen historischer Figuren, Chroniken, Reality-Formate des Fernsehens usw. – eine Sonderrolle einnehmen). Der Rezipient lässt sich auf die innere Stimmigkeit der Fiktion ein, die (in reflexiven Formen) selbst zum Thema werden kann und sich gerade dann als fingierte Realität indiziert. Manchmal spielen die oft sogenannten Lügengeschichten mit der Fiktionsunterstellung, machen den Akt der übertreibenden oder lügenden Erzählung selbst durchsichtig (man denke neben den Münchhausiaden auch an Beispiele wie Big Fish, USA 2003, Tim Burton). Das Wissen um die Fiktionalität ist essentieller Bestandteil einer Lektüre im Modus des Fiktionsvertrags; das Erzählte wird als „erfunden“ und nicht als „erlebt“ angesehen.

Literatur: Nickel-Bacon,  Irmgard / Groeben, Norbert / Schreier, Margrit: Fiktionssignale pragmatisch. Ein medienübergreifendes Modell zur Unterscheidung von Fiktion(en) und Realität(en). In: Poetica 32,3-4, 2000, S. 267‑299. – Petersen, Jürgen; Fiktionalität als Redestatus. Ein Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Grundlagenforschung. In: Sprachkunst, 26, 1995, S. 139-163. – Rusch, Gebhard: Fiktionalisierung als Element von Medienhandlungsstrategien. In: Studia Poetica, 10, 1997, S. 123-138.

Referenzen:

kommunikativer Vertrag

Suspension of Disbelief


Artikel zuletzt geändert am 08.09.2013


Verfasser: HJW


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