Lexikon der Filmbegriffe

Narratographie

In Absetzung zu Modellen der narrativen Struktur, die sich ganz auf die Herstellung von Kohärenz und Kontinuität konzentrieren, wurde u.a. von Garrett Stewart die Narratographie als ein analytisches Verfahren vorgeschlagen, das nicht nur Elemente der story, sondern auch der diskursiven, medial spezifischen Inszenierungs- oder Darbietungsweise erfassen und als Teil der Bedeutungsproduktion ausweisen kann. Insbesondere sollen so Zeitbeziehungen zwischen Ereignissen in der Erzählung (und zwischen verschiedenen Erzählungen) ebenso repräsentiert werden wie die diversen Informationsquellen, die in einer einzelnen Erzählung zusammenströmen (von textuellen Erzählern, Figuren der Handlung, fiktionalen Dokumenten in allen Medien, tatsächlichen oder erfundenen historischen Autoritäten etc.). Inhalt, Stil, Medium treten zusammen, um die Gestalt der Erzählung hervorzubringen, erweisen sich als essentielle Teile der narrativen (Bedeutungs-)Struktur. Ob die gleichzeitige These, dass Formenwandel auf technologische Veränderungen zurückzuführen sein, haltbar ist, ist umstritten – ob also die Verwendung von freeze frames, der Einsatz narrativer loopings oder die finale Aufblende vom Weiß des fallenden Schnees auf das reine Weiß des Filmlichts (in Eternal Sunshine of the Spotless Mind, USA 2004, Michel Gondry) mit der Digitalisierung des Kinos zu tun haben, wie gelegentlich behauptet wird, darf durchaus in Zweifel gezogen werden.

Literatur: Stewart, Garrett: Framed Time. Toward a Postfilmic Cinema. Chicago: University of Chicago Press 2007. – Kramer, Lawrence: Musical Narratology. A Theoretical Outline. In: Indiana Theory Review 12, 1991, S. 141‑162. – Stewart, Garrett: Dickens and the Narratography of Closure. In: Critical Inquiry 34,3, 2008, S. 509‑542.


Artikel zuletzt geändert am 08.09.2013


Verfasser: JvH


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