Lexikon der Filmbegriffe

Tagebuchfilm (1)

auch Filmtagebuch; engl.: diary film

Die tageweise Aufzeichnung der Geschehnisse, der Erlebnisse und Eindrücke des eigenen Lebens muss aufgrund der Unterbrechungen der Darstellung nicht nur mit mangelnder Vollständigkeit und narrativer Konsistenz, sondern auch mit permanent wechselnden Stilen, Formen und Gegenständen rechnen. Das Tagebuch, das gemeinhin als autobiographisches Aufschreiben geführt wird, verzichtet auf die semantische Kontrolle, es ergibt am Ende keinen geschlossenen Text mit Anfang, Konflikt, und Ende, eine Dramaturgie kann sich höchstens episodisch ablesen lassen. In einem radikalisierten Sinne kann ein Tagebuch auch filmisch geführt werden (gebunden an die Verfügbarkeit leichter [Amateur-]Kameras). Das Tagebuch ist in allen diesen Formen geprägt durch die Intimität des Schreibaktes, die Selbstadressierung des Verfassers, die soziale Unkontrolliertheit aller Urteile.
Wohl als erster adaptierte Jonas Mekas das Tagebuch-Konzept als Modell des Filmemachens; er mache mit seiner 16mm-Bolex-Kamera home movies, verlautete er nach seinem ersten Tagebuchfilm Walden (Diaries, Notes and Sketches) (USA 1969), der von 1964 bis 1969 entstand; nochmals radikalisierte er mit The 365 Day Project das Verfahren, in dem er 2007 einen Kurzfilm pro Tag auf seiner Homepage präsentierte. Inzwischen haben gerade Dokumentaristen mehrfach die nur durch die Ereignisse gesteuerte Registratur des Geschehens als Modell des Filmemachens adaptiert (etwa Dezember, 1-31; BRD 1999, Jan Peters, der für jeden Tag einen dreiminütigen, gelegentlich mitten im Satz abbrechenden Kurzfilm zu einem langen Dokumentarfilm zusammenfügt). Meist sind diese Filme aber thematisch auf einen besonderen Gegenstand konzentriert und geben so die Heterogenität des Tagebuchs unter der Hand wieder auf (wie vor allem finale Stadien von Erkrankungen wie in Nick‘s Film, Schweden/BRD 1980, Nicholas Ray, Wim Wenders, über das Sterben Nicholas Rays oder  Chrigu, Schweiz 2008, Jan Gassmann, über das Sterben eines Freundes des Filmemachers).

Literatur: Cuevas, Efren: The Immigrant Experience in Jonas Mekas's Diary Films. A Chronotopic Analysis of Lost, Lost, Lost. In: Biography 29,1, Winter 2006, S. 54‑72. – James, David: Diary/film/diary film: Jonas Mekas' Walden. In: Frame‑Work 2,3, 1989, S. 21‑23. – Sponsel, Daniel: Ich und die Kamera. Film ohne Dramaturgie am Beispiel des Tagebuchfilms November 1‑30 von Jan Peters. In: Medienobservationen, 2004, URL: http://www.medienobservationen.lmu.de/artikel/kino/sponsel_ichundkamera.html. – Aufderheide, Patricia: Public Intimacy. The Development of First‑person Documentary. In: Afterimage 25,1, July‑Aug. 1997, S. 16-18.


Artikel zuletzt geändert am 11.10.2013


Verfasser: HJW


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