Lexikon der Filmbegriffe

Bukolik

von griech.: boukólos = Rinderhirte

Seit der Antike findet sich in der Literatur Hirten‑ bzw. Schäferdichtung, so genannt nach Vergils Bucolica (oft auch – wiederum nach Vergils Arcadia als – als „arkadische Poesie“ bezeichnet). Ihr Zentrum ist die Utopie eines harmonischen, naturverbundenen Lebens in lieblicher Landschaft (dem sogenannten locus amoenus). Auch in der Filmgeschichte hat die manchmal hymnisch besungene Vision eines Lebens, in dem Ich und Natur zu sinnlicher Einheit finden und in dem Entfremdung und von Macht regulierte soziale Beziehungen aufgehoben scheinen, vielfache Echos gehabt. Es gibt zahllose Beispiele. Angefangen von den Landschaften im deutschen Heimatfilm der 1950er und noch der 1990er und 2000er, in denen es oft um das Zurückkommen und die Restaurierung einer in der modern-urbanen Gesellschaft verloren gegangenen Identität geht, über die Feier ländlicher Idyllen und nur auf den ersten Blick einfacher Charaktere (wie es in Dialogue avec mon Jardinier, 2007, Jacques Becker) über allegorische Darstellungen (wie in Zahrada / Der Garten, 1995, Martin Sulík) bis hin zu Satiren durchzieht eine manchmal scharfe Kritik an Urbanismus, modernen Produktionsmethoden, weltfremdem Intellektualismus diese Filme. Gerade im Visuellen wird die Natur als Handlungsort ausgestellt und in ihrer Schönheit gefeiert (Vorbilder sind nicht nur die explizit bukolischen Bildnereien des 17. und 18. Jahrhunderts, sondern auch traditionell-romantische Landschaftsmalerei, impressionistische Malerei u. ä.). Le Dejeuner sur l’Herbe (1959, Jean Renoir) etwa ist Hymne und Farce zugleich, im Stil der Bilder Auguste Renoir artikulierte Fortschrittskritik.
Natürlich kann mit dem Friedensversprechen des Bukolischen Spannung erzeugt werden, wenn in einer Art antibukolischen Wendung der locus amoenus sich tatsächlich als Ort des Schreckens erweist.


Artikel zuletzt geändert am 18.11.2013


Verfasser: JvH


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