Lexikon der Filmbegriffe

Habsburgerfilm

manchmal äquivalent zu: „historische Wiener Filme“

Als „Habsburger“ wird eine europäische Dynastie bezeichnet, die seit dem Mittelalter fast ununterbrochen die deutschen Könige und römisch‑deutschen Kaiser stellte; das „Habsburgerreich“ hatte Wien zum Zentrum, weshalb gerade nach dem Ende der Monarchie das Thema des „Habsburgertums“ zu einem der Kristallisationspunkte wurde, an der sich die nationale Identität Österreichs entfalten konnte (weshalb auch ein Film wie Erich von Stroheims Hochzeitsmarsch, 1928, auch eine nostalgisch-melancholische Emotion anspricht). Die Augenblicksbezeichnung Habsburgerfilm bezeichnet eine kleine Gruppe von Filmen, die Mitte der 1950er in Österreich entstanden und die in der Regel in Verbindung mit dem Abschluss der österreichischen Integration durch den Staatsvertrag von 1955 gebracht wird. In den Filmen wird die „goldene Zeit“ Österreichs als Zeit von Pracht und Ritual, von der Menschlichkeit von Herrschaft, vom Leiden hochgestellter Persönlichkeiten ebenso wie von Militarismus, Klassengesellschaft, einem traditionellen Verständnis der Geschlechterrollen, von Macht-Intrigen und ähnlichem beschworen. Bereits der 1950 gedrehte Film Erzherzog Johanns große Liebe löste eine Welle von Filmen aus, die meist im Wien des 19. Jahrhunderts spielen (Kaisermanöver, 1954; Der Kongress tanzt, 1955; Kronprinz Rudolfs letzte Liebe, 1956; Kaiserball, 1956 usw.). Mit den drei Sissi-Filmen (1955-57) erreichte das kleine Genre seinen Höhepunkt. Es ist die Abwendung vom Österreich der Nachkriegszeit, die den Filmen ablesbar ist und die oft als „Erinnerungsverweigerung“ und indirekt als Auseinandersetzung mit der Frage nach der Schuld Österreichs an der Nazizeit gelesen wurde.

Literatur: Fritz, Walter: Im Kino erlebe ich die Welt. 100 Jahre Kino und Film in Österreich. Wien/München: Brandstätter 1997. – Seeßlen, Georg: Sissi – Ein deutsches Orgasmustrauma. In: Marsiske, Hans-Arthur (Hrsg.): Zeitmaschine Kino. Darstellungen von Geschichte im Film. Marburg: Hitzeroth 1992, S. 64-79.


Artikel zuletzt geändert am 18.11.2013


Verfasser: HHM


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