Lexikon der Filmbegriffe

Beifall


War noch die Theatervorstellung im 19. Jahrhundert mit zahlreichen Aktivitäten des Publikums durchsetzt, bildete sich erst Mitte des Jahrhunderts Zurückhaltung während der Vorstellung als „Bürgerlichkeit“ ausdrückende Tugend heraus, die sich klar vom „proletarischen“ Modus der Rezeption populären Theaters abhob. Die selbstauferlegte Passivität im nun meist abgedunkelten Saal machte sich aber in dem der Aufführung folgenden Applaus Luft. Die Reaktionen des Publikums gerieten in enge Beziehung zum Stück, emotionale oder kognitive Antworten bezogen sich auf das Dargebotene (vom Weinen bis zum Lachen); die Darstellung selbst wurde erst am Ende gratifiziert (oder mit den ebenfalls konventionalisierten Buh-Rufen sanktioniert). Der finale Applaus ist eine der Strategien, die Illusion des Spiels aufzuheben, die Aktivität den Zuschauenden zurückzugeben.
Passivität und Reaktivität wurden so zu einem Teil des schematisierten Ablaufs einer Vorstellung des bürgerlichen Theaters, eine Gliederung, die sich vor allem mit der cineastischen Bewegung der 1950er und 1960er auch auf das Kino ausdehnte. Applaus im Kino findet sich allerdings nur auf Festivals (in Anwesenheit der Filmemacher, aber auch in deren Abwesenheit, als eine Art Selbstvergewisserung des Publikums) – das Ende der Vorstellung ist durch die Wiederaufnahme der Vis-à-Vis-Interaktion mit anderen Zuschauern bzw. das bare Verlassen des Raums gekennzeichnet.

Literatur: Engler, Balz: Über den Applaus bei Shakespeare. In: Jahrbuch der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft West, 1993, S. 85-98. – Heister, Hanns‑Werner: Geldloses Geschenk und archaisches Zeremoniell. Der Konzert‑Beifall als Honorar‑ und Aktivitätsform. In: International Review of the Aesthetics and Sociology of Music 15,2, Dec. 1984, S. 91‑128.


Referenzen:

Applausometer


Artikel zuletzt geändert am 12.01.2014


Verfasser: JvH


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