Lexikon der Filmbegriffe

fragmentierendes Erzählen

engl.: fragmented narrative; auch: nonlinear narrative; dt. manchmal: nonlineares Erzählen, nonlineare Erzählung

Fragmentierung ist in verschiedenen narrativen Künsten eine Erzähltechnik, die die Ereignisse des Geschehens außerhalb der chronologischen und kausalen Ordnung der Geschehensfolge darstellt. Formen sind die Erzählung paralleler, voneinander unabhängiger Handlungslinien, der Unterbrechung der Erzählung durch längere, nicht-integrierte Traumsequenzen, durch das Erzählen weiterer, in den Rahmen eingebetteter Geschichten und ähnliches mehr. Wie man fragmentierendes Erzählen im Einzelfall von den Techniken einbettenden Erzählens abgrenzen kann, ist von Fall zu Fall problematisch (etwa im Fall wenig zusammenhängender Flashbacks wie in Citizen Kane, USA 1940, Citizen Kane). Als Beispiele gelten Filme von Jean-Luc Godard (wie Le weekend, Frankreich 1968), Alain Resnais (etwa Hiroshima mon amour, Frankreich 1959), Andy Warhol (etwa Chelsea Girls, USA 1966) oder Robert Altman (vor allem Nashville, USA 1975) – Filmemacher, zu deren Programm die Auseinandersetzung mit der kontrollierenden Macht der Erzählung gehört und die nonlineare Formen nutzten, um andere, nicht auf Kausalität gründende Sinnstrukturen des Assoziativen für den Zuschauer zugänglich zu machen (der als interpretierendes und sinnerzeugender Adressat anders konstituiert ist als im traditionell-narrativen Kino). Die Nähe nonlinearen Erzählens zu den Strategien des Essayfilms ist offensichtlich. Prominenz erlangte es unter den Vorzeichen postmodernen Filmerzählens (von Atom Egoyans Exotica, Kanada 1994, über Terrence Malicks The Thin Red Line, USA 1998, bis zu Paul Thomas Andersons Magnolia, USA 1999). Neuere Beispiele sind Alejandro González Iñárritus Babel (Frankreich/USA/Mexiko 2006), Wong Kar‑Wais In the Mood for Love (Hongkong/Frankreich 2000) oder Fernando Meirelles‘ The Constant Gardener (Großbritannien [...] 2005) – Beispiele, die verdeutlichen, welche Sinnhorizonte mit der Technik des Fragmentierens resp. Delinearisierens erschlossen werden können.

Literatur: Harris, Sandra: Fragmented Narratives and Multiple Tellers: Witness and Defendant Accounts in Trials. In: Discourse Studies 3,1, 2001, S. 53‑74. – Kinder, Marsha: Hot Spots, Avatars, and Narrative Fields Forever: Buñuel's Legacy for New Digital Media and Interactive Database. In: Film Quarterly 55,4, Summer 2002, S. 2‑15.

Referenzen:

Transvergenz


Artikel zuletzt geändert am 12.01.2014


Verfasser: HJW


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