Lexikon der Filmbegriffe

Schlagbild

Der Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg schlug 1920 ein Modell vor, demzufolge sich Zeitströmungen nicht nur in Schlagworten, sondern auch in Schlagbildern dokumentierten. Sein Beispiel waren Flugblätter der Reformationszeit, die als „aufregende ominöse Sturmvögel“ zwischen „Norden und Süden“ hin und her jagten, bedruckt mit politisch instrumentalisierten Bildern, die er für die Vorläufer der modernen Propaganda ansah. Die Annahme, dass derartige Bilder zu Emblemata politischer Beziehungen und Konflikte gerinnen und Teil des kollektiven Gedächtnisses (und vielleicht auch des kollektiven Bewusstseins) werden, war vielleicht durch die Pressebilder des ersten Weltkriegs angeregt. Warburgs Annahme war, dass sie in politische Rhetorik eingehen, affektiv aufgeladen und umgekehrt als politische Ikonographie bewusst inszeniert werden; so werden sie zu Gegenständen, die zwischen medialen Bildern und demokratischer Öffentlichkeit vermitteln, zugleich ein Abbild problematischer Beziehungen sein können. Schlagbilder (einschließlich der Denkmäler) stehen zwischen Ikon und Symbol, sind sozusagen „verdichtete Bilder“. Der Kunstwissenschaftler Michael Diers aktualisierte Warburgs Konzept und übersetzte es auf das ,emblematisch‑symbolische Ballett auf der politischen Bühne, das aus dem Repertoire der Tradition‘ schöpft. Wie nun die Beziehungen von Schlagbildern zu älteren Bedeutung tragenden Bildern ist, wie diese umgedeutet oder neu interpretiert werden, ist ein ungelöstes methodisches Problem. Ob etwa der Kniefall Willy Brandts  vor dem Warschauer‑Ghetto‑Mahnmal nicht nur den Canossagang Heinrichs IV. als Vorbild habe, sondern auch die Figur der Mutter aus der Statuengruppe „Elternpaar“ auf dem Soldatenfriedhof zu Vladsloo‑Praedbosch von Käthe Kollwitz, ist höchstens produktionsästhetisch von Belang; dass der Kniefall eine eindrücklich bildgewordene Erinnerungsmarke für einen rabiaten Bruch der deutschen Beziehungen zur eigenen Geschichte geworden ist, ist dagegen sicherlich unstrittig.

Literatur: Warburg, Aby: Heidnisch‑antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten. = Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch‑Historische Klasse (Heidelberg: Winter) [26, 1919]. – Diers, Michael: Schlagbilder. Zur politischen Ikonographie der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt: Fischer 1997.


Artikel zuletzt geändert am 19.05.2014


Verfasser: HHM


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