Lexikon der Filmbegriffe

Gemeindekino

Im Rahmen der Diskussionen in der Kinoreformbewegung setzte sich in den Jahren nach 1910 vermehrt die Haltung einiger Reformer durch, sich den Film als ein Mittel der Belehrung zunutze zu machen. Dabei wurden auch immer wieder Forderungen erhoben, die Aufführungspraxen der Lichtspielhäuser zu verändern oder sogar eigene Kinos zu betreiben, um die Bildungsinhalte, die vor allem junges Publikum erreichten, besser kontrollieren zu können. Willi Warstats Buch „Kino und Gemeinde“ (1913) wurde zur programmatischen Schrift der Gemeindekinobewegung, über deren Arbeit Erwin Ackerknecht 1918 mit „Das Lichtspiel im Dienste der Bildungspflege“ Bericht erstattete. Bereits 1911 trafen einige Gemeinden Vorkehrungen für die Einrichtung kommunaler Kinos (darunter Altona, Wiesbaden, Bottrop und Stettin.). Auf dem 4. Westfälischen Landgemeindetag (14.-15.6.1912) wurden Leitsätze des  Hagener Gymnasialprofessors Adolf Sellmann zur „Beschaffung von Kinematographen durch die Gemeinden im Interesse der Jugendpflege“ einstimmig angenommen – wohl unter dem doppelten Interesse, das Kino als kulturellen Ort zu kontrollieren, konservative Inhalte an eigenen Spielstätten verbreiten zu können wie aber auch der Hoffnung, auf diese Art Einnahmen für die Gemeinden erzielen zu können. Das erste Gemeindekino wurde 1912 in Eickel eröffnet – der bildungsbürgerliche Einfluss auf die öffentliche Sphäre besetzte eine neue Domäne. Kinos wie das In Eickel spielten „lehrreiche oder ,edel unterhaltende‘ Programme“ – zu einer engeren Zusammenarbeit mit der Film- und Kinoindustrie kam es aber nicht, weil die Reformer die Bereiche „Bildung“ und „Kultur“ für sich reklamierten. Erst 1917 kam es auf der Stettiner Reformtagung zu einer Unterstützung staatlicherseits, als eine Kooperation von Staat und Reformern beschlossen wurde. Es sollten Schulkinos eingerichtet werden, die Lehr- oder Kulturfilme zeigen sollten – als Gegenentwurf gegen die Angebote der kommerziellen Kinos, die großen Teils als „Schmutz- und Schundfilme“ kategorisiert wurden. Doch konnte sich das Programm der Gemeindekino-Reformer beim breiten Publikum nicht durchsetzen. Es blieb nur der autoritär beschützte Bereich der Schule und der Schulkinos (bzw. -filme), an dem die Bemühungen der Reformer fortgesetzt werden konnten.
Ergänzend zur Gemeindekinobewegung bleibt zu fragen nach den Verbindungen etwa zur (katholisch basierten) Lichtbildnerei in München‑Göadbach (heute: Mönchen‑Gl.), die ja im nationalen (nicht nur im katholischen) Maßstab ein publizistisches Zentrum der Kinoreformbewegung in Deutschland war und auch Beispielfilme verlieh, zu Beispielprogrammen in Kunstvereinen (wie Häfkers frühe ästhetisch ambitionierte Beispielprogramme ,guter Filme‘), in Partei‑ und Volkshäusern (wo politische Ideen umgesetzt werden sollten), sowie nach denen zur vaterländischen Propaganda im unmittelbaren Vorfeld und den ersten Jahren des 1. Weltkriegs.

Literatur: Schulze, Volker: Frühe kommunale Kinos und die Kinoreformbewegung in Deutschland bis zum Ende des ersten Weltkrieges. In: Publizistik, 1, 1977, S. 62‑71. – Siegert, Paul Ferd[inand]: Bürgerliches Selbstverständnis, Kinoreform und früher Schulfilm. Eine kulturwissenschaftliche Analyse. Magisterarbeit Lüneburg 1995, URL: dok.uni‑lueneburg.de/texte/Kinoreform.pdf.

Historische Texte: Ackerknecht, Erwin: Das Lichtspiel im Dienste der Bildungspflege. Handbuch für Lichtspielreformer. Berlin: Weidmann 1918. – Beyel, Christian: Kinoreform und Gemeindekino. In: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 2-3, 1919. – Haefker, Hermann: Kino und Kunst. M. Gladbach: Volksvereins-Verlag 1913 (Lichtbühnen‑Bibliothek. 2.). – Warstat, Willi / Bergmann, Franz: Kino und Gemeinde. Mönchen-Gladbach: Volksvereins‑Verlag 1913 (Lichtbühnen‑Bibliothek. 3.).

Referenzen:

Kommunales Kino


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: HHM JS


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